... und plötzlich stehen wir im Krankenhaus

08.03.2026

Bevor wir nach Ecuador aufbrachen, war ein großes Thema die Frage nach den richtigen Versicherungen. Unser Makler ließ bei den Gesprächen dabei einen Satz fallen, der unfassbar naheliegend klingt, aber über den man wirklich einmal reden muss. Er sagte: "Viele wählen den Schritt des deutschen Auslandschuldienstes, weil sie vor etwas weglaufen. Aber das Ding ist: sich selbst nehmen sie mit."

Das ist völlig korrekt. Das Leben geht in jedem Land der Welt weiter. Es werden Kinder geboren, Menschen verletzen sich, werden krank. Das sind alles unausweichliche Fakten. 
Wir sind nicht vor irgendwas geflohen oder etwas ausgewichen. Wir sind neugierig. Wir wollen die Welt sehen, wollen neue Eindrücke erleben, neue Sprachen lernen, über uns hinauswachsen. Aber während wir das tun, kommt unausweichlich der Augenblick, in dem man nicht staunend vor einem Vulkan steht oder durch einen Nebelwald wandert, sondern in dem der Moment ganz gewöhnlich wird und man denkt: Mist, das tut weh.

Zu Hause weiß man genau, was passiert. Wir haben Routinen im Kopf, kennen die Strecke zum nächsten Krankenhaus, haben eine Vorstellung davon, was uns dort erwartet und wie wir unseren Unfall schildern. Hier ist das etwas anderes.

Gerade im ersten Monat geschah der erste Unfall: eine gläserne Duschwand löste sich beim Duschen aus der Verankerung und fiel auf unseren Jüngsten. Die Scheibe zerbrach auf seinem kleinen Körper und schnitt ihm die Arme auf. Unter dem warmen Wasser sah alles viel katastrophaler aus, als es in Wahrheit war. Aber uns war klar, dass wir so schnell es nur geht, in die Notaufnahme fahren müssen. In einer Zeit, in der wir kein Auto hatten, waren wir dankbar, dass gute Freunde unmittelbar in der Nähe wohnen und uns ohne mit der Wimper zu zucken, geholfen haben.

Der zweite und dritte Unfall ereigneten sich erst vor Kurzem um die Faschingszeit. Auf dem Schulhof darf mit Lederbällen gespielt werden. Ein kräftiger Schuss eines übermotivierten, kleinen Jungen und meine Tochter landete mit einer Gehirnerschütterung auf dem Boden.

Leider hatte sich eine Woche vorher bereits ein dummer Unfall - sind eigentlich nicht alle Unfälle dumm? - mit meiner Frau. Dazu muss man wissen, dass die Bürgersteige in Lateinamerika eine Geschichte an sich Wert wären. Vor gefühlt jeder Haustür hebt sich der Bürgersteig um eine Stufe an, oder fällt um mehrere "Stufen" schlagartig ab. Es gibt Schlaglöcher, manchmal fehlt der Bürgersteig ganz. Dazwischen stehen Strommasten im Weg,  Steine liegen herum, nach Starkregen drückt das Kanalisationswasser Gullydeckel nach oben und spült sie fort, sodass auchmal Löcher im Boden sein können. Kurz gesagt: Auch in die Stadt geht man besser mit Wanderschuhen.

Es war also kein Wunder, dass meine Frau bei einem kurzen Moment der Unachtsamkeit vorm Überqueren der Straße in ein vierzig Zentimeter tiefes Loch trat und sich den Fuß verdrehte. Diagnose sollte eine starke Bänderdehnung sein. Vielleicht sogar angerissen.

Die Diagnose kam schnell. Ein kurzer Blick, ein paar vorsichtige Bewegungen des Fußes, ein Röntgenbild: keine Fraktur. Immerhin. 

Der Arzt erklärte ruhig, was zu tun sei: Schonung, erst ein "Moonboot", dann ein stabilisierender Verband, Schmerztabletten. Geduld. Gaaaanz viel Geduld.

Was uns von Anfang an überrascht hatte, war, wie bürokratisiert dieses Land doch ist. Es geht bei Weitem nicht so chaotisch zu, wie wir vielleicht anfangs erwartet hatten. Zuerst muss man an einem kleinen Display sein Anliegen auswählen, dann eine Nummer ziehen. Warten, bis man aufgerufen wird, zur Kasse gehen, bezahlen. Ja, es wird bezahlt, noch bevor man einen Arzt gesehen hat. In einem kleinen Raum neben der Kasse werden grundsätzliche Vitalzeichen geprüft, dann heißt es wieder warten. Der Arzt kommt uns abholen, er führt uns in sein Diagnosezimmer.

Papierkram gibt es auch viel. Noch mehr aber läuft hier digital.
Auf Anraten eines anderen Deutschen hatten wir für den Fuß ebenfalls einen deutschen Arzt. Sonst müsste ich hier darüber sprechen, wie schwierig es ist, mit unserem Schul-Spanisch zu erklären, was genau passiert ist, wo es wehtut und welche Bewegungen möglich oder unmöglich sind.

Aus Neugier frage ich nach und erfahre, dass die medizinische Ausbildung in Ecuador mit der europäischen locker mithalten kann, wenn nicht sogar dezent überlegen ist. Das liegt vor allem daran, dass es sehr viele Praxisstunden während des Medizinstudiums gäbe.
"Es wird so viel praktisch geübt in der Studienzeit, dass die Absolventen im letzten Jahr schon selbständig die wichtigsten Grundlagen durchführen können. Sowas wie Blutabnehmen, Anamnesen, einfache Eingriffe, ... Im letzten Jahr sind alle von 7-15 Uhr auf Station, Ambulanz, Besprechung, Vorlesung, OP und im Nachtdienst von 15:00-08:00 Uhr in der Notaufnahme, Notoperationen und alles, was so ansteht. Außerdem wird viel in den Fachabteilungen rotiert: Innere, allgemeine Chirurgie, Orthopädie, Pädiatrie, Gynäkologie, Notaufnahme. Alle verpflichtend", wird mir erklärt. "Keine Spezialisierung."

Mir war schon aufgefallen, dass viele junge Leute im Krankenhaus rumlaufen. Ich frage mich, ob das alles Studenten sind. Eine Freundin in Deutschland, die in Ecuador Medizin studiert hatte, berichtet mir: "Als Assistenzarzt muss man sich auch bewerben und zwar mit einer Prüfung. Wenn man drin ist, bezahlt man seine Ausbildung - zwischen 3.000 und 8.000 pro Semester - man wird aber während der Ausbildung nicht bezahlt, obwohl man jeden Tag von 7-15 arbeitet, oft 3-4 mal in der Woche zu Vorlesungen geht, alle 3 bis 4 Tage 36 Stunden Schicht macht, und auch Wochenende und Ferien arbeitet. Jedes Jahr muss man eine Prüfung schreiben, bevor das nächste Ausbildungsjahr beginnt. Es ist intensiv."

Das glaube ich. Und bin beeindruckt, dass man es den Ärzten nicht anmerkt. 
Trotz der langen Schichten, trotz des intensiven Wegs durch Studium und Ausbildung, begegnet uns jeder freundlich, geduldig mit mit einer Ruhe, die man in einer Notaufnahme vielleicht am wenigsten erwartet.

Und so sitzen wir nach ein paar Unfällen wieder zu Hause auf dem Sofa. Mit Verband, Kühlpacks und der vorsichtigen Hoffnung, dass es für eine Weile jetzt genug gewesen ist.

Der Satz unseres Maklers kommt mir dabei wieder in den Sinn. Man nimmt sich selbst mit. Also eben auch alles, was zum Leben dazugehört, so wie die dummen Unfälle.



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Webseite: Agentur Hundertmarck