Abenteuer zwischen Regen und Nebel
09.11.2025
Regenwald oder Nebelwald.
Zu meiner eigenen Schulzeit habe ich den Unterschied garantiert gelernt gehabt, dann aber wieder vergessen. Was hängen geblieben ist: Die Umweltschäden, die wir Menschen an der Lunge der Natur verüben.
Unser Lehrer damals war selbst in den Anden gewesen, hatte seine Ehefrau sogar hier kennengelernt. Leider erinnere ich mich nicht mehr an das Land, ob er auch in Ecuador gewesen ist, in Chile oder auf der anderen Seite der Gebirgskette. Was ich noch weiß sind folgende Dinge: viele Bilder von seinen Wanderungen durch die Dschungel Lateinamerikas und die Faszination, die er mit seinen Geschichten und Bildern damals bei mir auslöste. Ich wollte unbedingt einmal im Leben den Regenwald sehen. Sobald Romane in den Urwäldern spielten, verschlang ich sie, ganz egal, ob mich die eigentliche Story packte. Ich träumte als Kind von den Abenteuern, den Tieren, den hohen Bäumen, den Geräuschen dieser Region. Aber zugleich gestand ich mir ein, dass die Wahrscheinlichkeit, hierher zu kommen, unfassbar gering ist. Also beließ ich es bei träumen und lesen und konzentrierte mich auf den Alltag.
Und jetzt sind wir hier.
Ein Freund erklärte mir, dass es hier in Ecuador zwei Arten von Wälder gibt: Nebelwälder und Regenwälder. Und in beide Regionen durfte ich jetzt nacheinander reisen.
Der Regenwald war wirklich schwül. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass ich die ersten vierundzwanzig Stunden nur vom Dasein schwitzte. Die Bäume standen hoch und dicht. Die Baumkronen streckten sich smaragdgrün in den Himmel und die Welt hörte sich an, als habe jemand den Lautstärkeregler hochgedreht.
Zikaden, Frösche, Vögelgezwitscher mit Melodien, die ich diesen Tieren niemals zugetraut hätte. Manche mechanisch schnarrend, andere eher klopfend, volltönend dunkel. Kaum rief einer über das Blätterdach hinweg, kam von der anderen Seite eine Antwort.
Wir waren mit einer Schulklasse hier unterwegs. Das ist für Lehrkräfte immer ein Gewinn, weil es Führungen und Erklärungen gibt, die manchmal für Erwachsene so nicht zugänglich sind.
Unsere Unterkunft war schlicht, dafür gemütlich, urig und mitten in den Urwald eingefügt. Unser Führer zeigte uns, welche Blätter man essen kann, welche Wurzeln zum Schminken geeignet waren und wie man aus den einen Blättern hübschen Kopfschmuck flechtet, während andere Blätter so scharf sind, dass man sich im Vorbeigehen schneiden kann.


Er erklärte uns, dass Termiten und Zitronenameisen eine reiche Proteinquelle seien, führte uns zu einem Termitenstock, der von der Lodge aus mit einem Smiley gekennzeichnet war und motivierte uns, einmal diese winzigen Krabbeltiere zu probieren. Ja wirklich, wir aßen Termiten. Kein großartiger Geschmack, dafür das Gefühl, dass es dir nach dem Schlucken plötzlich in der Kehle krabbelt. Nicht angenehm. Aber wie sagten meine Schüler so schön: Man muss alles wenigstens probiert haben, ehe man sich ein Urteil erlaubt.
Die Zitronenameisen haben ihren Namen daher, dass sie tatsächlich nach Zitrone schmecken. So klein sie auch sind, ihr Arome entfaltet sich im ganzen Mundraum. Die kleinen Tierchen leben in einem dezenten Wulst eines Blattes. Geübte Augen finden sie sofort. Ich werde garantiert kein einziges mehr finden. Denn da Flora ist im Regenwald so reich, so verschiedenartig.
Hier wächst einfach alles und - wie oft habe ich das jetzt gehört: - ununterbrochen. Da es in Ecuador keine Jahreszeiten gibt, gibt es auch keine Wachstumsphasen. Blüten und Früchte ploppen nahezu nonstop auf. Die Bäume kennen hier keine Pause. Die Lebensbedingungen sind einfach zu optimal. Hier wächst Zitronengras neben Kurkuma, zwei Schritt entfernt ein paar Riesenpalmen, Riesenfarn, Aloe Vera, Kakao, Bananen, ...

"Was du hier anpflanzt, wächst", sagt unser Führer. "Aber die Schicht fruchtbaren Bodens ist dünn, nur zwanzig, dreißig Zentimeter. Wenn du etwas vernichtest, schwemmt der Regen den fruchtbaren Boden fort und es wächst überhaupt nichts mehr." Und hier regnet es, daher ja auch der Name, jeden Tag für ein paar Stunden.
"Merkt man eigentlich die Klimaerwärmung auch hier?", will ich wissen. Er nickt ernst. "Natürlich!", sagt er. "Es gibt Zeiten, in denen es inzwischen gar nicht mehr regnet. Insekten sterben aus. Wir müssen hier ständig hinterher sein, dem Wald zu helfen." Dann zeigt er in eine bestimmte Richtung. "Morgen werden wir mit der Klasse da hinten das Aufforsten beginnen. Wir sind auf jede Hilfe angewiesen. Jeder Baum, der gepflanzt wird, hilft." Was er nicht sagt: Ob es sich um einen Kampf gegen Windmühlen handelt.
Statt dessen zeigt er uns einen Kautschukbaum und einen Drachenblutbaum und erklärt, wie der Saft, der sofort aus dem Stamm austritt, wenn man
mit dem Fingernagel die Rinde abkratzt, zum Heilen benutzt werden kann.
Eine Woche später sind an unserer Schule Herbstferien und wir haben mit der Familie eine Unterkunft in Mindo gebucht, ein hier sehr berühmtes Städtchen im Nebelwald. Wird Zeit, den Unterschied kennenzulernen.
Nebelwälder liegen deutlich höher als Regenwälder. Daher ist der Baumwuchs nicht so hoch und imposant. Die Reichhaltigkeit der Flora lässt sich aber locker mit der des Regenwaldes vergleichen. Auch hier kann es richtig gut regnen, aber der Name verrät schon, dass die Baumkronen oft von dichtem Nebel umspielt werden.

Wir haben ein wunderschönes Hotel empfohlen bekommen. Luxuriöse Cabañas mit Glasfronten und atemberaubendem Blick in den Dschungel erwarten uns. Wir schlafen mit dem Gefühl, mitten im Wald zu liegen. Und wie cool wäre es, wenn wir hier nicht nur auf Pflanzen, sondern auch auf Tiere stoßen könnten?
In Mindo sehr wahrscheinlich! Denn Mindo gilt als ein Ort der höchsten Biodiversität. Gibt es auf der Welt über 100 Kolibriarten, so finden sich hier pro Saison um die 30. Auf einem Quadratmeter finden sich durchschnittlich mehr Tiere als sonstwo auf der Welt, verrät uns ein Einheimischer.
Und tatsächlich lässt die Tierwelt nicht lange auf sich warten. Das Hotel hat kleine Futterstationen für Kolibris eingerichtet, sodass man beim Abendessen von Kolibris umschwirrt wird. Die winzigen Vögel mit dem rasanten Flügelschlag sind nicht Menschenscheu. Sie flattern zwischen uns hindurch, immer wieder hin zu ihren Zuckerwassertränken und saugen aus kleinen, bunten Plastikblumen den Nektar hervor.


Aber beim Abendessen ruft plötzlich eine Bekannte auf. Wir folgen ihrem Blick und sehen ein kleines Äffchen, das durch die Dunkelheit motiviert aus seinem Baum gekrochen kommt und sich eine extra für es ausgelegte Banane schnappt. Wir fragen den Kellner: Bei dem Tier handelt es sich um einen Makibären. Ein nachtaktives Tierchen. Wenn wir Geduld hätten, könnten wir noch viel mehr Tiere sehen.


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Offensichtlich braucht es von dieser "Geduld" gar nicht so viel. Mindo bietet zahlreiche Tierführungen an. Wir buchen eine Nachtwanderung, gehen zu einer Kolibriforschungsstation, sehen im UV-Licht leuchtende Skorpione, beobachten Capybaras beim Frühstück, werden begrüßt von Tucanen.

Mindo ist ein Paradies für Vogelbeobachtungen. Wir kennen uns zu wenig aus, können nur sagen: Der hier ist so gelb wie eine Banane, seht mal den blauen da. Oder: Der da oben macht aber einen verrückten Balztanz! Immer wieder stößt er seinen Ruf aus, dann verbeugt er sich, erhebt sich wie in einer Yoga-Posa und reckt dabei den Hals zwei-, dreimal nach oben. Dann wieder der Ruf und es beginnt von Neuem.


Die Kinder sind begeistert, als ein Führer uns eine vom Zombiepils befallene Wespe zeigt und im Dunklen leuchtende Hölzer.
Die Welt ist irre faszinierend.

Und wo ist es schöner? Im Regen- oder im Nebelwald?
Als ob man sich wirklich entscheiden müsste!
Im Regenwald pulsiert das Leben, im Nebelwald atmet es. Und irgendwo dazwischen, zwischen Dunst und Dschungel, merke ich: Der alte Kindheitstraum ist Wirklichkeit geworden – und größer, als ich ihn mir je vorgestellt habe.
