Abflug und Ankunft
12.08.2025
Wir sind keine Vielflieger.
Unsere Urlaube haben sich stets auf Europa begrenzt. Wir sind Camper und Erkunder. Keine Strandlieger oder All-inclusive-Menschen.
Das Thema Flugzeug hatte in den Wochen vor dem Abflugtermin also einen gewaltigen Platz in unserem Leben eingenommen. Ohne Erfahrungen muss man sich auf die vielen Erfahrungen von Freunden und Bekannten verlassen. Die einen raten dazu, die Koffer mit Folie zu umwickeln und zum leichteren Transport am Flughaften aneinander zu binden. "Keine Sorge, Folie gibt es an den meisten Flughäfen kostenlos an speziellen Stationen."
Andere erklärten uns die Regeln mit Wasserflaschen, die wir ja nicht mit durch den Sicherheitscheck nehmen dürfen. Aber im Duty-Free-Bereich müssten wir uns auf Wartezeiten einstellen und mit drei Kindern wäre es schon gut, dort die leeren Flaschen aufzufüllen. Überhaupt: mit drei Kindern und fünfzehn Koffern ... für jemanden, der noch nie wirklich geflogen ist und erst recht nicht so weit ... wir hatten keine Vorstellung und damit auch keinen Plan.
Dieser Satz prägte unser Projekt grundsätzlich. Wir sind zwar spontan, aber bei derart großen Herausforderungen, braucht vor allem meine Frau einen Plan und eine Vorstellung davon, wie alles abläuft. Das ist also unsere allererste Challenge gewesen. Die Überwindung des Unbekannten.
Am Ende lief alles unfassbar reibungslos und gut. Wir machten ein paar Fehler bei dem Sicherheitscheck und die große Anzahl an Handgepäckkoffern hielt uns lange auf. Aber die Erkenntnis bleibt bestehen, dass eigentlich ja nur jeder einen reibungslosen Ablauf haben möchte und deshalb jeder einzelne in der großen Kette der Ereignisse darum bemüht ist, dass alles funktioniert.
Als wir schließlich im Flugzeug saßen, atmeten wir zum ersten Mal erleichtert durch. Der Service bei KLM war großartig. Die Angst, die wir hatten, dass es mit den drei Kids - vor allem dem Jüngsten - teilweise ungemütlich werden könnte, löste sich schnell in Luft auf.
Naja, jedenfalls bis zum Ende.
Der Flug dauerte 12 Stunden und das Sitzfleisch des Jüngsten wurde dadurch schon bis zum Äußersten auf die Probe gestellt. Am Ende hieß dann schon: "Können wir nicht endlich landen?" Das dachten wir alle. Der Pilot verkündete endlich, dass wir Quito erreichten, die "Fasten the Seatbelt"-Lampen leuchteten auf. Gepäckstücke wurden hastig zurück in die dafür vorgesehenen Ablagen verstaut und das laute Dröhnen der Fahrgestelle verkündete: Wir befinden uns auf der Zielgeraden.
Das Flugzeug senkte die Schnauze, durch die Fenster erkannten wir die Anden und die darin eingeschlossene Großstadt. Plötzlich ein Ruck. Das Flugzeug schwenkte hoch, zur Seite. Wir sahen uns irritiert an. Der Bildschirm vor uns, der uns die Flugroute nachzeichnete, verriet, dass wir eine Achter-Schleife über der Stadt flogen. Das Fahrgestell wurde wieder eingefahren. Dann die Stimme des Piloten. Erst auf niederländisch, dann auf englisch durch eine relativ schlecht verständliche Geräuschkulisse hindurch. "Earthquake ... I don't know the konsequences ... please be patient ... matter of time. ... no worries."
Ich sah zu meiner Frau. Sie hatte noch nichts davon mitbekommen, weil der wilde Flug beim Jüngsten das Gesicht grün verfärbte. Hastig angelten wir die Kotztüte hervor und die nette Passagierin hinter uns bot uns ein Mittel gegen Übelkeit an. "Danke, aber ich glaube, ihm jetzt etwas zu geben, führt zum Gegenteiligen Effekt", mutmaßte ich. Immerhin spuckte er sogar den Kaugummi aus, den er eben noch für den Landeanflug genommen hatte. Zugegeben, nach der zweiten Kurve spürte ich auch, wie mein Magen rebellierte. Hastig suchte ich durch den Blick aus dem Fenster Orientierung für den Magen. So, wie ich es beim Autofahren kenne. Keine gute Idee: dieser Winkel, in dem sich uns Ecuador durch das Fenster präsentierte, machte es irgendwie nur schlimmer.
Endlich grollten wieder die Motoren unter unseren Füßen, die verrieten, dass das Fahrgestell wieder ausgefahren wird. "Gott sei Dank!", hörte ich die Frau hinter uns flüstern.
Das Flugzeug landete so weich, als wäre nichts gewesen.
Es wurde applaudiert und wir betraten zum ersten Mal Ecuador.
"Wie ist es mit dem Druck?", würden uns später unsere Freunde und die Familie als allererstes Fragen. Immerhin befinden wir uns auf knapp 3000m üNN.
Völlig problemlos. Wir waren selbst völlig irritiert. Alles lief wie am Schnürchen. Wir konnten atmen, kamen nicht aus der Puste, kein erhöhter Puls. Selbst die Schlangen am Flughafen war so dünn wie nie zuvor.
Am Kofferband fanden wir die Koffer, hievten sie zur Seite und zählten durch: 9. Eigentlich sollten es 10 sein. Wir warteten, bis schließlich eine Durchsage den Namen meiner Frau ausrief. "Bitte zur Information." Ein Mann winkte uns bereits her. Die Frankfurter Flugsicherheit hatte von den 10 aufgegebenen Koffern einen als gefährlich eingestuft und zur Kontrolle zurückbehalten. Selbstverständlich war es nicht irgendein Koffer, sondern der mit der Bett- und Unterwäsche meiner Frau. Prima. Das war ja mal ein großartiger Start.
"Wenn es so weiter geht, will ich unser Haus erst gar nicht sehen", knurrte meine Frau.
"Ganz ruhig", sagte ich schwach. "Es wird großartig. Warte nur ab. Ab jetzt wird es phänomenal."
"Wir sind mitten in einem Erdbeben gelandet", fasste sie zusammen. "und natürlich ist mein Koffer nicht am Ziel angekommen."
Sie sagte es nicht, aber in ihren Augen stand geschrieben: "Das hier ist alles ein großer Fehler."
Wir waren hundemüde. Der Jetlag ließ grüßen. Nervös hielten wir Ausschau nach unserem Fahrer. Ich hoffte, dass sie nicht recht behalten würde.
