Alte Traditionen - neue Wege

02.08.2025

Manchmal läuft das Leben in sehr merkwürdigen Bahnen. Wir hatten uns gerade dazu entschieden, das große Abenteuer Ecuador zu wagen, als in der Post eine bemerkenswerte Zeitschrift auftauchte. Als Lehrer habe ich den "FLUTER" abonniert, eine kostenlose Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung. Jede Ausgabe verschreibt sich einem anderen gesellschaftlich relevanten Thema. Und diesmal sollte es das "Handwerk" sein. Ich blätterte interessiert und fand schließlich den Leitartikel. In dem ging es um die alte Tradition des "auf die Walz Gehens".

Ein paar Wochen zuvor hatte meine Frau auf dem Weg nach Landau ein paar Handwerker auf der Walz getroffen und ihnen eine Fahrt angeboten. Unsere Jungs saßen wie angewurzelt und mit riesigen Augen auf der Rückbank und verstanden für einen Augenblick die Welt nicht mehr. Fremde am Straßenrand einfach mit dem Auto mitnehmen? Dann noch welche, die so merkwürdig angezogen waren? Das hatten sie noch nie erlebt.

Meine Frau erklärte ihnen natürlich die alte Tradition der Walz und die beiden Handwerker ergänzten, wo sie es für nötig hielten. Und jetzt der Artikel.
Die Handwerkstradition geht bis ins Mittelalter zurück. Der Sinn leuchtet sofort ein: Was nützt es einem Handwerk, wenn jeder in seinem eigenen Ort bleibt, von Meister zu Schüler der selbe Kniff gelehrt wird? Entwicklung und Innovation entsteht erst dann, wenn man den Blick über den Tellerrand wagt, die Komfortzone verlässt und man auf Reisen geht. Unter den Handwerkern gibt es seither feste Regeln, die inzwischen an die Aktualität angepasst worden sind: Es dürfen keine Handys mitgenommen werden oder Tablets. Man trägt nur das mit sich, was in den Rucksack passt. Es darf kein Geld verdient werden, dafür muss man jede Arbeit annehmen, um sich die Reise, die Ernährung und den Schlafplatz zu verdienen. Die höchste Tugenden sind Genügsamkeit und Lehrbereitschaft. Nur so kann man garantieren, dass Innovationen, die sonstwo zu Tage getreten sind, sich deutschlandweit verteilen.
Und die oberste Regel: Drei Jahre lang dauert die Walz.

"Genau wie bei uns!", ruft mein Jüngster begeistert am Tisch aus, als ich ihnen die Bilder aus dem FLUTER zeige. Er hat recht: wenn man es so will, machen wir als Familie eine "Mini-Walz". Wir verlassen für drei Jahre das Land, nehmen nur mit, was in unsere Koffer passt und üben uns in Weltoffenheit, Bescheidenheit und Wissensbereitschaft.

"Und was machen die auf diesem Bild?"
"Die klettern über das Ortsschild." Ich lese den erklärenden Text unter dem Bild und übersetze für den Kleinen: "Die Walz beginnt, indem man zu allererst über das Ortsschild klettert. Damit zeigt man, dass man bereit ist, die größten Hindernisse auf sich zu nehmen. Dass man bereit ist für Abenteuer und seien sie noch so anstrengend."

"Machen wir das auch?", will er sofort wissen.
"Warum eigentlich nicht", murmelt meine Frau. "Schnappt euch mal die Koffer. Ich hab da eine Idee."

Das Ergebnis könnt ihr im Bild sehen. Wir klettern über das Ortsschild. Die Mini-Walz beginnt.




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Webseite: Agentur Hundertmarck