Am Rand der bekannten Welt
31.05.2026
Aber wir sind Meer-Menschen. Bislang hatten wir alle großen Sommerurlaube meist in Dänemark oder an der Nordsee verbracht. Die große, unendliche Weite am Strand vor Augen zu haben, gab uns immer das Gefühl, hier können wir unsere Batterien aufladen. Und das war genau das, was uns bislang gefehlt hatte.
Also planten wir für die Osterferien eine Reise an die Küste Ecuadors.
Vor keiner Region gibt es so viele Warnungen wie vor der Küste. Gleichzeitig soll der Pazifik unendlich schön sein. Wir waren hin und hergerissen, denn wir wollen in diesen drei Jahren keine unnötigen Risiken eingehen. Erst recht nicht mit drei Kindern!
Aber wir fragten Einheimische und unterm Strich kam folgendes dabei heraus: ja, es stimmt, dass an der Küste die Drogenkartelle am dominantesten auftreten – sehr zum Leidwesen der Bevölkerung. In Puerto Lopez hatte es gegen Ende des vorigen Jahres sogar Schießereien gegeben, bei denen eine unschuldige Familie zu Tode kam. Die örtlichen Fischer hatten sich brutalst gerächt und drei Wochen später lagen laut lokalen Zeitungen die Köpfe der verantwortlichen Bandenmitglieder in einem Schaufenster. Gemeinsam mit der Nachricht: Wir lassen uns unsere Küste nicht nehmen.
Aber auf der anderen Seite sagte auch jeder, dass die Küste vor allem von den Touristen lebe und niemand dort sicherer sei als Touristen.
Erst als eine zweite Familie uns erzählte, dass sie auch unbedingt mal an die Küste fahren wollte, beschlossen wir, das Risiko einzugehen. Wenn wir mit mehreren Familien an der Küste wären, so unser Gedanke, war das Risiko vielleicht deutlich minimiert.
Natürlich würden wir uns auch sonst an die üblichen Regeln halten: Nicht nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straßen gehen, finstere Ecken vermeiden, aufs Bauchgefühl hören, immer schön die Touristenspots besuchen und nicht die Nebengassen und Hinterhöfe.
Unser Ziel war Olón, weil wir viel Gutes über dieses kleine Dorf gehört hatten.
Allein die Autofahrt bis zur Küste war ein Genuss. Ich liebe das Autofahren und im Unterschied zu manch anderen kann ich dabei wirklich zu mir selbst zurückfinden. Der Stress der letzten Wochen fiel von mir ab wie ein drückend schwerer Mantel. Und die Strecke versprach auch viele Abenteuer: wir beginnen ja zwangsweise in den Anden und enden logischerweise auf Meeresspiegelhöhe. Das bedeutet zugleich, dass wir durch alle Klimazonen der Erde fahren und von Nebelwald, Regenwald, Tropensümpfe bis hin zur Tropenküste unglaublich viel zu sehen bekamen.
Wie vielfältig ein Land doch sein kann!
Wir waren mit großer Anspannung losgefahren und von Tag zu Tag erlebten wir, wie wenig die vielen Geschichten zu dem passten, was wir hier vorfanden.
Palmen säumten die Straßen. Vor kleinen Häusern dösten Familien in Hängematten. Hunde dösten im Schatten oder lagen auf den Dächern und ließen die Pfoten vor der Hauswand baumeln.
Bis auf den Verkehr wirkte alles entschleunigt.
Dann der erste Blick auf die Küste. Das Wasser war so türkisblau, wie man es nur aus Filmen kannte und dachte, dass es an einem Kamerafilter liegen müsse. Aber nein: Das Meer kann wirklich kristallklar leuchten.





Unser Hotel in Olón war ein verwunschener Tropengarten mit Hängematten an den Balkonen, keine fünfzig Meter vom Strand entfernt. Eine idyllische Nische auf dieser Welt.
Das war genau das, was wir gebraucht hatten. Keine Sehenswürdigkeiten, keine Tagesplanungen. Einfach nur Meer. Das rhythmische Rauschen der Wellen begleitete uns vom Frühstück bis zum Einschlafen. Das Wasser war so warm, dass man sich sofort hineinwerfen konnte und bei den Temperaturen und der Luftfeuchte am Strand blieb es trotzdem erfrischend. Meterweit konnten wir mit den Kindern nach draußen gehen. Gleichzeitig waren die Wellen hoch genug, dass viele surften. Wir kauften Wellenbretter für die Kids und genossen es, sie Wellenreiten zu sehen. Gleichzeitig stürzten Pelikane sich um uns herum in die leuchtende Flut. Wir versanken in Harmonie.
Es gibt Landschaften, die beeindrucken. Die Anden gehören zweifelsohne dazu. Man steht da und staunt. Aber das Meer macht etwas anderes. Es fordert nichts, es ist einfach nur da. Darin liegt seine Kraft. Während die Kinder versuchten, den Strandkrebsen Fallen zu stellen, merkten wir, wie der Lärm der letzten Monate leiser wurde. Die Abenteuerlust wurde geruhsam von dem simplen Dasein der Küstenlandschaft zugedeckt und zum Schlafen gebracht.
Abends verließen wir dann doch das Hotel. Wir schlenderten am Strand entlang, wo es reihenweise Strandbars gab, wo bis 21:00 Uhr gegessen und getrunken wurde. Direkt dahinter gab es ein paar wenige Häuserblöcke mit Straßenzügen. Olón ist ein sehr gemütliches, verschlafenes Touristendörfchen. Wir entdeckten das angeblich besten Churro-Kaffee der Westküste, schlenderten unter bunt beleuchteten Langnese-Regenschirmen und kauften Pizza von einem fahrenden Händler.




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Aber die Sonnenuntergänge! Wie schnell die Sonne doch am Äquator wandert, sobald sie den Horizont erreicht. Und wie die Farben im Himmel aufblühen. Hier, an der Küste Ecuadors, muss Gott die Pastellfarben erfunden haben. Anders kann es gar nicht sein.
Gegen Ende unserer Reise wagen wir dann doch den Abstecher zum gefürchteten Puerto Lopez. Hier geht alles etwas rauer zu, kein Wunder, ist es doch eine Hafenstadt.


Es gibt in Ecuador ja nur zwei Jahreszeiten: die Sonnen- und die Regenzeit. Das besondere an der Küste ist aber, dass in der Regenzeit der kalte Humboldtstrom den Pazifik abkühlt, während die Lufttemperaturen doch noch recht angenehm hoch sind. Die perfekten Umstände für Wale. Wer Whalewatching betreiben möchte, der kommt in den „Sommermonaten“ – der hiesigen Sonnenzeit – also voll auf seine Kosten.
Wir waren aber in der warmen Regenzeit hier. Das bedeutete warmes Wasser, keine Wale, dafür strahlend blauer Himmel und mit etwas Glück: Delphine.
Wir buchten eine Fahrt mit dem Boot zur Isla de la Plata, die Silberinsel. Die Einheimischen nennen sie spöttelnd „Galapagos für Arme“, weil es hier wie dort Blaufußtölpel gibt, Albatrosse, Meeresschildkröten, Tropenfische.


Ehrlich gesagt war uns das zunächst egal. Nach den Tagen in Olón hätten wir auch einfach nur auf einem Boot sitzen und aufs Meer hinausfahren können. Das Nichtstun hatte uns weich gemacht. Aber kaum verließ das Boot den Hafen, kehrte etwas zurück, das wir fast vergessen hatten.
Neugier.
Vor uns lag der Pazifik, hinter uns die Küste Ecuadors. Wir merkten: die Batterien waren wieder aufgeladen. Das Meer hatte getan, wofür wir gekommen waren.
Als unser Boot Kurs auf die Isla de la Plata nahm, standen wir an der Reling und blickten hinaus. Die berühmten Fregattvögel mit den aufgeplusterten, roten Kehlen nahmen uns kreischend in Empfang. Wir ließen uns ans Land bringen und wurden über die Insel geführt, die unter Naturschutz steht. Leider heute keine Albatrosse, sagte unser Guide. Die haben Brutzeit und stehen unter Naturschutz, da dürfen wir sie nicht stören.
Aber Blaufußtölpel und Fregattvögel könnten wir aus der Nähe sehen.
Seit meiner Abizeit, als ich zum ersten Mal von Blaufußtölpeln gehört hatte, wünschte ich mir, eins dieser bizarren Vögel aus der Nähe zu sehen. Heute war es soweit. Wir standen keinen Meter von ihnen entfernt. Ich war tief ergriffen.
Während wir über die kargen Hügel der Insel wanderten und die Sonne auf uns niederbrutzelte, erzählte der Guide uns von den Abenteuern der Insel, von den Piraten, die hier angelegt hatten, von den Legenden der indigenen Ureinwohner, die hier Menschenopfer gebracht hatten, von den roten Muscheln, die als kostbare Währung ins Landesinnere geliefert worden waren, …
Alles, was ich aus Büchern kannte, lag hier um mich herum ausgebreitet. Das war kein Film, kein Was-ist-Was-Sachbuch oder Bildband. Wir standen am Rand der bekannten Welt, umringt von exotischen Tieren, umgeben vom Pazifik, weit entfernt von allem, was uns vertraut war.
Und plötzlich kam ich nicht umhin, an die Wochen vor den Osterferien zu denken. An den Stress, die Müdigkeit und das Bedürfnis nach einer Pause.
War waren zur Küste gefahren, um uns zu erholen.
Stattdessen hatten wir beides gefunden: Ruhe und Abenteuer.
Das ist das besondere an Ecuador: Du fährst los, weil du glaubst, zu wissen, wonach du suchst. Und dann schenkt dir dieses Land noch so viel mehr, womit du überhaupt nicht gerechnet hast.

