Auf den Spuren des Teufels - unser Wochenendtrip Richtung Dschungel (1)
16.10.2025
Die Planungen für einen Ausflug waren schon spannend genug. Jeden Tag lauschten wir den Erzählungen der anderen und lasen Onlinezeitungen, um herauszufinden, wie sich die politische Situation mit den Paros entwickelt. Sie entwickelt sich spannend. Nördlich von Quito scheint sich die Lage zuzuspitzen. Einen Tag vor unserer Abreise dringt das Gerücht zu uns, dass sogar jemand erschossen worden ist. Aber bis dahin haben wir längst umgebucht. Die Lodge in der Nähe von Otavalo wurde gecancelt und statt dessen der Süden anvisiert.
Das jetzt gültige Ziel lautete Baños. Die Stadt liegt am Tor zum Dschungel. Von hier aus gäbe es viele Sehenswürdigkeiten und Attraktionen und das größte Highlight: die acht aufeinanderfolgenden tropischen Wasserfälle.

Das Internet verrät mir, dass an einem Tag alle acht Wasserfälle problemlos angesteuert werden können. Man könne mit dem eigenen Auto, dem Bus oder auch mit dem Fahrrad auf der Panamerica fahren und dann die groß ausgewiesenen Parkplätze ansteuern. Von jedem Parkplatz aus gibt es dann eine Wanderroute zu den "Cascadas". Der größte und berühmteste hier ist der Cascade del diabolo. Der Teufelswasserfall hat seinen Namen, weil angeblich hinter ihm im Fels das Gesicht eines Teufels oder Dämons sichtbar wäre. Spoiler: Wir konnten es nicht bestätigen.
Aber wie will man reisen und das Land entdecken, wenn man kein eigenes Auto besitzt (noch nicht)?
Wir reisen mit drei Familien und eine davon hat die zündende Idee, den Fahrer des Schulbusses zu fragen, ob er den Bus leihen und uns fahren könnte. Es ging!
Die eine Familie besaß ein Auto und fuhr schonmal vor, wir anderen zuckelten in dem kleinen, gelben Schulbus hinterher.
Ecuador ist ein ehrliches Land. Es versteckt seine Armut nicht. Die Menschen stehen auf den Straßen an fast jedem hügeligen Fahrtentschleuniger und jeder Ampel und bieten Rosen, Chips, Popcorn oder eine merkwürdige in Tüte eingepackte chipsartige Scheibe. Der Busfahrer erzählt, dass es Schweinefett sei, genau wie Chips gegessen werden könne, sehr salzig schmecke und auch gerne in Suppen gegeben wird. Noch habe ich keine Ahnung. Ich muss recherchieren, nehme ich mir vor.
Aber die Fahrt geht zunächst vorbei an riesigen Gewächshäusern, in denen die berühmten ecuadorianischen Rosen gezüchtet werden. Ja, wirklich, unsere Gegend gilt als Region des ewigen Frühlings und die klimatischen Bedingungen sind optimal für Rosen. Hauptabnehmer scheinen Japan und Korea zu sein. Sobald die Gewächshäuser auftauchen, erscheinen auch kleine, erbärmliche Hüttchen am Straßenrand, in denen Leute die Rosen zum Verkauf anbieten. Um auf sich aufmerksam zu machen, winken die Verkäuferinnen am Straßenrand mit großen, roten Fahnen. Außerdem rufen sie laut den Autos entgegen.
Die Vegetation verändert sich und wir geraten in eine ländlichere Umgebung. Habe ich an anderer Stelle schon von den Anden geschwärmt? Ich bin ganz sicher kein Bergmensch. Wenn ich in Europa die Wahl zwischen Alpen oder Nordsee hatte, war mir das Meer immer die liebere Option. Aber die Anden weisen eine ganz andere Atmosphäre auf. Die Hänge sind grün, steil und scharfkantig. Das Andenhochland sieht genauso aus wie im Film und wie ich es mir immer vorgestellt habe. Die Vergangenheit braucht nicht viel Fantasie, um vor dem Auge lebendig zu werden. Du schaust aus dem Fenster und kannst die Inkas sehen, die mit langen Ponchos und einer Reihe Lamas durch die Wildnis ziehen.
Aber die Moderne hat Einzug gehalten und so sehen keine Grünflächen dieser Welt mehr organisch wild und angenehm chaotisch aus. Große Flächen sind gerodet und ordentlich mit kleinen, bauchigen Bäumchen bepflanzt, die an den Hängen stehen, so brav sortiert wie die Weinhänge der Südpfalz. Diese Bäumchen passen sich harmonisch an die Umgebung an, sähen sie nur nicht so ordentlich gepflanzt aus: Mandarinen. Heißbergehrte Mandarinen. Kaum haben wir die Pflanzen identifiziert - man ahnt es - tauchen die Verkaufsstände aus und sobald sich der Verkehr zu einem kleinen Stau verdichtet, winken uns schon ärmlich gekleidete Frauen entgegen und halten uns Säcke mit Mandarinen vor die Nase.
Im Straßengraben sehen wir die Schalen, wie zum Zeichen, dass es sich lohnt, zu kaufen.
Und dann endlich Baños; genauer gesagt: Baños de Agua Santa. Die Stadt liegt am Fuß des sehr aktiven Vulkans Tungurahua. So steht es in Wikipedia. Die Wahrheit ist, dass es "auf" dem Fuß des Vulkans liegt. Irgendwann ist dieser Vulkan einmal mächtig ausgebrochen und hat die Landschaft geformt. Ein großer, halbrund um den Berg sich ausbreitender Felsring lässt Baños direkt am Rand einer Schlucht existieren, wie ein Ort, den man auf den äußersten Rand eines Rettungsrings gebaut hat. Der Vulkan beschert den Bewohnern heiße Quellen, die Wasserfälle in unmittelbarer Nähe und zahlreiche Wanderrouten auf die Spitze des Vulkans. Aber das hat den Bewohnern offenbar nicht genügt.
Die Touristenindustrie boomt in Baños, als gäbe es kein Morgen. Eine Reiseagentur reiht sich in der Innenstadt an die nächste. Und wo die Natur nicht genug zu bieten hat, erfinden die Menschen noch weitere Attraktionen. Es gibt durchsichtige Plattformen, Aussichtsplattformen mit ausgestreckten Riesenhänden, Bunjeejumpingplattformen, zwei Riesenschaukel, mit denen man weit über den Hang des Berges hinaus schaukeln kann, Hängebrücken, Ziplines, Seilbahnkäfige, die einen über Schluchten bringen und vieles, vieles mehr.

Zu allem Unglück boomt hier der An- und Abbau von Zuckerrohr. Wo keine Reiseagentur seine Tienda aufgemacht hat, werden Süßigkeiten verkauft. Meine Schüler haben mich schon instruiert, auf jeden Fall "Dulce de Leche" zu kaufen. Aber nur das mit biscotti. Leider haben wir es nicht in Baños gefunden. Aber ich bleibe dran! Versprochen.
Für uns autolosen war die Vielzahl an Agenturen ein Gewinn. Der erste Taxifahrer, der uns von der Lodge aus in die Stadt fuhr, war verheiratet mit einer Frau, die Jeeps verlieh. Und so war der Plan gemacht: Wir leihen uns für 150$ einen Jeep für einen Tag und fahren zu den Wasserfällen Richtung Urwald.
Die Lodge, in der wir unterkamen, sah schon atemberaubend aus und versprühte den Charme von Dschungelfilmen. Mit dem Jeep dagegen konnten wir zum allerersten Mal wieder autonom unterwegs sein.
Ich bin recht selten kitschig. Aber als wir nach Ecuador geflogen sind, musste ich auf jeden Fall meinen braunen Fedora mitnehmen. Das Hutmodell, wie ihn Indiana Jones aus der gleichnamigen Filmreihe trägt. Es tut mir auch nicht Leid, ihn zu tragen, während wir Richtung Dschungel unterwegs sind. Im Gegenteil. Mit diesem Hut auf dem Kopf und am Steuer eines Jeeps ohne Verdeck, mitten durch die Anden, konnte ich nicht aufhören zu grinsen. Das zwölfjährige Ich erwachte schlagartig und sah sich mit blitzenden Augen um. Schon als zwölfjähriger war mir klar gewesen, dass der Dschungel einer jener Träume sein würde, die vollkommen unrealistisch sind. Ich würde nie herkommen, nie die Geräusche des Urwalds hören können, wilden Tieren lauschen, Kolibris sehen, Riesenspinnen, ... und nun saß ich hier am Steuer dieses Fahrzeugs, fuhr durch Tunnel, die grob gehauen waren und in denen es so stark tropfte, dass es uns vorkam, als führen wir durch kleine Wasserfälle hindurch. Die Kinder jauchzten bei jedem Tunnel.
Acht Wasserfälle würden wir mit so vielen Kindern im Leben nicht an einem Tag schaffen, war uns klar. Also visierten wir sofort die Teufelscascadas an. Vom Parkplatz aus stiegen wir in den Wald hinab. Nebelwald darf ich es nicht nennen, weil geografisch der Nebelwald erst hinter den Wasserfällen beginnt. Aber Urwald werde ich weiterhin sagen. Die Blätter waren riesig, die Bäume gigantisch. Die Blumen schillerten in allen erdenklichen Farben und es roch so frisch und voller Leben. Nach Erde, nach Blättern, nach Sauerstoff. Durch das lange Wochenende herrschte in Baños Partystimmung. Hier trafen wir auf viele Touristen. Aber es war bei weitem nicht so, dass wir uns eingeengt gefühlt hätten. Wir waren nicht allein, mehr nicht.


Der Pfad führt nach unten. Steil nach unten teilweise und da uns Menschen entgegenkamen, wussten wir, dass es sich nicht um einen Rundweg handelte und dass jeder Meter am Ende auch wieder nach oben erklommen werden musste. Die Teufelscascadas waren unsere ersten tropischen Wasserfälle. Ein enger, tunnelartiger Pfad führte an den Wasserfällen vorbei nach oben. Es gab Hängebrücken unterwegs und traumhafte Aussichtspunkte. Und auch wenn keine Fratze im Stein hinter den Fällen auf uns wartete, verdient dieser unaufhörliche Schwall an Wasser keinen harmloseren Namen.
"Kann man hier schwimmen?", fragte K2.
"Im Leben nicht. Das Wasser fällt mit so einer großen Wucht, da hast du keine Chance."
"Aber der nächste auf unserer Route", verriet die Mutter der zweiten Familie, mit der wir unterwegs waren. "dort kann man ins Wasser."
Cascada El Rocio Machay
Alle Wanderbegeisterten werden mich auslachen, aber die Beine wurden schon schwer beim ersten Aufstieg. Nachdem wir uns vorgenommen hatten, den Machay als nächstes zu besichtigen, fühlte sich der Abstieg schon schwerer an. Hier gab es immerhin eine Treppe, die nach unten führte. Aber ob Stufen sich nach oben leichter nehmen lassen als ein natürlicher Pfad, sei dahingestellt.
Die Beine meiner Tochter begannen jedenfalls auf halben Weg zu zittern und wir mussten kurz innehalten und ihr mit Magnesium Energie zuführen.
Am Ende hatte sich alles gelohnt. Der Machay fiel sanfter als der Diablo, er formte ein dezentes Becken, von wo das Wasser über mehrere Ebenen talabwärts strömte. In den Zwischenbereichen war es uns für die Kinder zu riskant. Die Strömung konnte einem schon die Beine wegziehen. Aber gerade in Ufernähe konnte man gut planschen.
Aber jeder Tag neigt sich dem Ende zu und so nahmen wir nach einem kurzen Bad an einem tropischen Wasserfall wieder den Aufstieg.
Als wir am Abend in die Lodge zurückkehrten, waren wir völlig erschöpft – und die Kinder voller Energie. ‚Morgen noch einmal?‘, fragte K2 strahlend. Ich seufzte tief, während meine Beine protestierten. Acht Wasserfälle an einem Tag? Schön wär’s. Vielleicht, wenn ich wieder zwölf bin.“
