Das leidige Thema: Behördengänge

30.07.2025

Nachdem ich meine Geschichte der letzten Monate zu Ende erzählt hatte, kommentierte mein Freund Dominik: "Es ist einfach so: Wenn du in Deutschland auf einem Amt etwas möchtest, was nicht ins Schema-F fällt, dann hast du gelitten!" Daraufhin imitierte er die Stimme eines gelangweilten Beamten: "Wie, sie möchten nicht wie jeder andere das Formular F haben? Also das wollte ja noch niemand! Ich weiß gar nicht, ob es das so gibt!"

Damit hat er den Nagel leider auf den Kopf getroffen. Der Auslandsschuldienst ist nichts, was jeden Tag auf den Ämtern aufschlägt und von daher kommt es zu Kuriositäten, besonderen Anfragen und Beamten, die viel zu selten aufgesucht werden mit den Fragen, die wir in letzter Zeit hatten.
Aber um fair zu sein: das betrifft nicht nur Beamten und Behörden, es fasst auch ziemlich gut die Erfahrungen mit Versicherungen, Steuerberatern, Notaren, etc. zusammen.

Aber vielleicht fangen wir vorne an:
Am Anfang unseres Abenteuers stand erst einmal der Familienrat und die Frage, ob wir das überhaupt machen wollen. Als jedes Familienmitglied sein Votum abgegeben hat und die Entscheidung einstimmig zugunsten des Lebens in Ecuador abgegeben worden war, gerieten wir zum ersten Mal in Kontakt mit der ZFA, dem Zentralwesen für Auslandsschuldienst. Allein diese sind vielschichtig organisiert in mehrere Abteilungen, wobei jede Abteilung eine riesige Herausforderung hat: zwar schickt man jährlich mehrere Lehrerinnen und Lehrer ins Ausland, aber jeder entsandte Lehrer bringt ein anderes Privatleben mit sich und jedes Land hat andere Bedingungen, Voraussetzungen, Erwartungen und Hürden, die es zu meistern gilt.

Fangen wir auf der privaten Seite an: Wir haben eine Familie und ein Haus. Andere wohnen vielleicht nur in Miete. Wir planen jedes Jahr mindestens einmal nach Deutschland zurückzukehren um Familie zu besuchen und Erledigungen zu machen. Andere planen alle Brücken hinter sich einzureißen. Es gibt Ehepartner, die ebenfalls im Lehrdienst tätig sind, andere sind Single. Hat die Lehrkraft Kinder? Müssen diese beschult werden? Wer in der Familie spricht bereits die Zielsprache?

Und dann die Herausforderungen des Ziellandes: braucht es ein Einreisevisum? Braucht es die Tropenberatung? Wie sieht es aus mit der Gefahrenlage? Müssen die Lehrkräfte ein Sicherheitstraining machen? 

Eine unabhängige Organisation stuft im Auftrag der ZFA alljährlich alle Länder auf einer Skala von 1 bis 20 ein. Dabei stellt 20 das größte Gefahrenpotential dar, aber vielleicht auch die geringste Attraktivität, die größte Distanz von Deutschland, sowohl lokal als auch kulturell, den größten Inflationsunterschied. Die genauen Kriterien sind nicht mir nicht bekannt und einige Entscheidungen erschließen sich mir nicht ganz. Nur soviel sei gesagt: Ecuador pendelt immer zwischen 11 und 13. Mit dem Ergebnis, dass sich auch das, was sich zum Beginn jeden Monats auf der Bezügemitteilung darstellt verändert. Je höher die Zahl, desto höher die Auslandszulage. Je nachdem, welchen Vertrag eine Lehrkraft unterzeichnet, gibt es noch Zuschüsse für die Familie, die ja ebenfalls mit ins Ausland gehen und für die gesorgt werden muss.

Bei dieser enormen Komplexität ist schnell klar, dass obwohl man nicht der erste Mensch ist, den Deutschland ins Ausland schickt, jeder einzelne gesondert betrachtet werden muss. Welche Verträge und Abkommen bestehen zwischen Ecuador und Deutschland? Wie sind die Einreisebedingungen, etc.

Entsprechend komplex gestaltete sich von Anfang an die Organisation und der Papierkram. 
Es gab von der ZFA früh ein Online-Seminar über das Unterrichten im Ausland und die kulturellen Differenzen und wie wir diesen am besten begegnen können. Wir Seminarteilnehmenden fanden schnell zusammen, organisierten uns im Hintergrund, bildeten ein WhatsApp-Netzwerk, und das half enorm. 
Denn auch wenn jeder von uns Fragen hatte, die andere nicht auf dem Schirm hatten, konnten wir uns doch trösten, uns Kontakte weiterempfehlen, Tipps geben und Hinweise. "Hast du Dokument XY schon?" "Wie das braucht man? Warum sagt das keiner?" "Oh, das braucht man nur für Lateinamerika. In Asien brauchst du aber vielleicht etwas anderes." "Ich frage mal nach." Und so weiter.

Ohne solche Netzwerke wäre man nicht aufgeschmissen gewesen, aber vieles wäre komplizierter geworden, als es ohnehin schon war. Manchmal stellten sich uns die richtigen Fragen nicht, obwohl wir siebzehn Checklisten hatten, auf denen bestimmt alle aufgeschrieben waren. Dann kommt plötzlich jemand um die Ecke, der gerade sein Leid klagt, weil Zeugnisse der Kinder im Nicht-Europäischen Ausland nicht nur beglaubigt, sondern auch apostilliert gehören und schon gehen alle Alarmglocken an: "Brauchen wir das auch?"

Manchmal waren diese Gruppen auch wenig hilfreich, etwa, wenn manche Länder mit einem Sicherheitstraining einhergingen und andere nicht. Für Ecuador galt es, drei Tage nach Bonn zu fahren und dort alles zu lernen über Checkpoints, Terrorismus, Naturkatastrophen und Amokläufe und Entführungen. Wird das für Ecuador nötig sein? Wahrscheinlich nicht. Aber diese Sicherheitstrainings gehen nicht auf jedes Land individuell ein, sondern auf grundsätzliche Gefahren, die einem ab einer bestimmten Länderstufe nun einmal drohen.

Obwohl uns in Ecuador wahrscheinlich keine Checkpoints erwarten, war es spannend, zu lernen, wie man sich am besten in diesem Kontext verhält, auf welche Signale man zu achten hat, wenn man eine fremde Stadt bereist, ob es sich um eine sichere Umgebung handelt und was alles in einen Krisenrucksack gehört.

Ein ehemaliger Nachbar, der zufälligerweise ebenfalls vor ein paar Jahren in Ecuador als Auslandslehrkraft eingesetzt war, berichtet mir: "Das Leben in Ecuador ist großartig. Es ist eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Wir haben so viel mitgenommen und gelernt. Aber in den Monaten vor dem Abflug verwandelst du dich zusehends in einen Zombie."
Wie recht er doch hatte.
Versicherungen zweifeln an, ob man denn wirklich ins Ausland reise. Immerhin könne ein Arbeitsvertrag in Ecuador auch bedeuten, dass man Teleoffice mache. Andere zweifeln die Korrektheit eines Stempels einer Beglaubigung an und wiederum andere Behörden melden sich plötzlich und verkünden, dass man versehentlich alle eingereichten Daten gelöscht habe, ob man denn noch einmal vorbeikommen könne.

Jeder einzelne Behördengang ist inzwischen eine Geschichte wert, aber was zählt, ist eigentlich das Ende jeder einzelnen Geschichte: Wir haben alle Dokumente, alle Ausweise und Zertifikate, die wir brauchen, um demnächst in den Flieger zu steigen, uns zurückfallen zu lassen und uns wieder vom Zombie in den Menschen zu verwandeln.

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Webseite: Agentur Hundertmarck