Der erste Monat
07.09.2025
Der erste Monat ist geschafft.
Viel Zeit zum Atmen haben wir dabei kaum gefunden. Ein merkwürdiger Gefühlsmix aus Erschöpfung, Erfüllung, Stress und Erholung. Aber vielleicht besser der Reihe nach:
Ich habe es jetzt schon oft betont, wie gut wir aufgenommen worden sind. Eine Bekanntschaft jagt die nächste, auf jede folgt eine Einladung und jede Einladung hat die Besonderheit, dass ganz selbstverständlich die gesamte Familie gemeint ist. Nur, wenn ausdrücklich "Erwachsene" genannt werden, bleiben die Kinder zu Hause. Bis jetzt war das noch nicht einmal der Fall. In Lateinamerika herrscht ein anderes Gefühl für Familien mit Kinder. Die Kleinen werden Willkommen geheißen, Restaurants hofieren die Kinder, Toleranz gegenüber deren Wildheit, Lautstärke und Ausgelassenheit ist überall spürbar. Reagieren Erwachsene dagegen streng auf Kinder, schimpfen sie öffentlich aus, dann ist es mit dieser Toleranz jedoch vorbei. Wir "Großen" werden dann mit dem Blick bestraft, der in Deutschland den Kindern zufällt, wenn diese sich "daneben" benehmen. Schon verrückt, wie sich die Wahrnehmung da umdreht.
Den Kindern gehört hier die Welt. Und das macht das Familienleben auf einen Schlag deutlich einfacher.
Eine Freundin erzählte mir vor ein paar Jahren mal in Deutschland, dass sie das Gefühl gehabt hatte, ihr "normales" Leben sei seit sie Kinder habe, komplett vorbei. Sie werde nicht mehr auf Partys eingeladen, und wenn, könne sie wegen der Kinder nicht mehr daran teilnehmen. Sie sei eine "Spaßbremse" geworden, fühle sich "gefesselt" und eingeschränkt. In Lateinamerika unvorstellbar.
Wir nehmen an einer Stadtführung durch die Altstadt Quitos teil und erfahren früh, wie eng der Zeitplan geplant ist. "Immer schön beieinander bleiben", sagt unser Führer. "Und achtet im Gedränge auf eure Wertsachen. Es ist eine Großstadt, also gibt es auch Taschendiebe, ok?" Wir ziehen los, der Kleine sieht etwas Glänzen und Blinken auf dem Boden, schwupps, schneller, als man blinzeln kann, hebt er es auf: Metall schneidet ihm einen seiner kleinen Finger auf und Blut tropft überdramatisch auf das Kopfsteinpflaster.
Sofort bleibt die Gruppe stehen, von Eile ist jetzt keine Spur mehr. Der Führer nutzt den Moment, um ein paar Details zu erzählen, lässt uns die Zeit, die Wunde zu versorgen und Fremde schauen eher Mitfühlend als mit dem berühmten: "Kann denn niemand das Kind zum Schweigen bringen"-Blick.
Dass ich mich gestresst fühle in diesem Moment, löst hierzulande eher Schuldgefühle aus. Ich gebe mir an Hausaufgaben auf, mir diese Gelassenheit zu eigen zu machen.
Der Tag ist nicht ruiniert, nur weil ein Kind traurig ist, motzig oder schlichtweg emotional. So sollte es sein. Ende aus, Basta!
Wir kommen zu mehreren Aussichtsplattformen, ein Museum der ecuadorianischen Geschichte, dann die "Virgen", die Jungfrau, die über die Stadt wacht. Hier ist die Luft zum Schneiden dünn. Und leider haben wir wieder nur zehn Minuten zum Selbsterkunden Zeit. Leider deshalb, weil die kleinen Touristenstände hier neben lecker duftendem Essen und kitschigem Touristenschmuck wunderschöne Drachen in Schmetterlingsform verkauft.
Hier kommen auch einheimische Familien mit ihren Kindern her, um über den Dächern der Stadt Drachen steigen zu lassen. Ein wunderschöner Anblick. Und wenige Schritt entfernt, auf einem halbrunden Platz, hat ein Teenager eine ranzige Soundanlage aufgebaut und übt moderne Tanzschritte..jpeg)
Das Leben hier ist wild auf so viele Arten. Der Verkehr aus europäischer Sicht das blanke Chaos. Hier wird rechts überholt, während Fußgänger den Weg kreuzen, Motorradfahrer links und rechts an einem vorbeiziehen, jeder Zweite mit dem Handy am Steuer sitzt und die Motoren teilweise zu schwach für die Berge sind, die es in Quito zu überwinden gilt. Es wird gehupt und geflucht, gelacht und gemeckert. Reißverschlussverkehr? Wer braucht denn sowas, wenn jeder mit dem Egoismus der anderen Fahrer rechnet. Die einzige wirkliche Verkehrsregel, die jeder beachtet: Es wird rückwärts eingeparkt! Was im ersten Moment absurd klingt, hat einen ernsten Kern: Erdbeben. Es gilt, im Notfall, niemanden zu blockieren und so schnell es nur geht, wegzukommen. Angeblich sind die entsprechenden Strafen drakonisch.
Wer einmal den Straßenverkehr hier erlebt und überlebt hat, den wundert nichts mehr. Ich sehe dieses heillose und gleichzeitig doch irgendwie funktionierende Chaos als Sinnbild für alles, was uns hier bislang passiert ist. Zum Beispiel die Bürokratie. Ein Ecuadorianer hat, als ich ihn auf meine Erfahrungen mit hiesigen Ämtern angesprochen habe, laut gelacht und gemeint, dass die Behörden die größte Baustelle des Landes sei. Überall gäbe es Korruption und deshalb sei hier alles so kompliziert. Außerdem ändern sich die Regeln geradezu stündlich, je nachdem, welcher Geldbeutel sich gerade geöffnet habe. Anfangs verstehe ich das noch nicht so ganz, aber das sollte sich schnell ändern.
Um ein Bankkonto zu eröffnen, erzählt uns eine Bekannte, braucht ihr eine Wasserrechnung, sozusagen ein Nachweis der Nebenkosten. Als sie zum ersten Mal in Quito ein Bankkonto hatte eröffnen wollen, sei ihr das nämlich zum Verhängnis geworden, weil sie anfangs für ein paar Monate in einem B&B untergekommen war. Wer keine Wasserrechnung hat, der braucht dann einen Bürgen. Den könne man aber auf der Bank für 120$ kaufen. "Nicht im Ernst!", entfährt es mir, als ein Kollege vorbei schlendert, der lächelnd den Kopf schüttelt. "So ein Quatsch", sagt er. "Ich war doch gestern auf der Bank, die haben keine Wasserrechnung gewollt. Du brauchst nur zwei Festnetznummern."
"Zwei Festnetznummern?", frage ich irritiert zurück. Wo ist denn da der Zusammenhang zu einem Bankkonto?
"Wieso sollte es da einen Zusammenhang geben?", fragt die Bekannte zurück, die ihre Erzählung mit der Wasserrechnung begonnen hatte. "Als ich 2020 herkam, brauchte meine Tochter für einen Führerschein noch ein Flugticket."
Das ergibt noch weniger Sinn, finde ich. Aber so reihen sich jetzt nach und nach Geschichten aneinander, die an Absurdität nicht zu überbieten sind.
"Am einfachsten wird das Leben in Ecuador, sobald ihr eure Cédular habt", fährt die Bekannte lachend fort. Die Cédular ist so etwas in der Art wie ein Personalausweis mit Sozialversicherungsnummer, die man beim Amt beantragen kann. Mit Cédular wird hier alles leichter. Jedes Geschäft fragt an der Kasse nach der Cédular-Nummer und wer keine hat, muss Mailadresse, Handynummer und Reisepassnummer angeben. Warum? Kein Plan. Also tigern wir ins Zentrum zum Standesamt, stellen uns auf stundenlange Wartezeit ein und müssen unsere Blutgruppe angeben, um unsere Cédular zu erhalten. Ab diesem Punkt wundert mich nichts mehr.
Am Folgetag zeige ich stolz im Kollegium meine Errungenschaft: Eine kleine, weiße Plastikkarte, die uns in Ecuador die Türen etwas leichter öffnet.
"Habt ihr ein Glück!", meint die Bekannte. "Ich warte immer noch auf meine Cédular. Hey! Moment! Wenn ihr die habt, dann könnt ihr ja jetzt ein eigenständiges Bankkonto kriegen und müsst es euch nicht teilen."
"Teilen?" Was wird das jetzt wieder für eine Geschichte?
"Wer ein Bankkonto errichten will, muss seine Cédular-Nummer angeben. Wer keine hat, gibt die Reisepassnummer an. Die enthält aber Buchstaben, was man in hiesigen Computern nicht eingeben kann. Also tippen die Bankangestellte nur die Ziffern in der Nummer ab und füllt die restlichen Stellen mit Nullen auf. Dadurch passiert es aber, dass ganz viele ein Bankkonto erhalten, das bereits vergeben ist. Der Computer erkennt eine solche Doppelbelegung nicht als Fehler. Du musst dann also immer aufpassen, dass Überweisungen auch wirklich von deinem Konto und nicht von dem Konto eines Fremden abgehen."
"Nicht euer Ernst?!"
"Klar. Ist dir das noch nicht aufgefallen?"
"Wie? Aufgefallen? Ich hab noch kein Bankkonto."
"Nee, aber einen Handyvertrag."
"Was um Himmels Willen hat denn ein Handyvertrag damit zu tun?"
"Die Telefonnummern können genau wie die Banknummer mehrfach vergeben werden." Mir schwirrt jetzt schon der Kopf. Aber sie fährt lachend fort: "Wenn du Pech hast, teilst du dir die Handynummer mit einer Prostituierten. Dann kriegst du plötzlich ganz viele, verwirrende SMS."
Als ich das zu Hause meiner Frau erzähle, hellt sich ihr Gesicht auf. "Jetzt versteh ich!" Sie zeigt mir ihr Handy. Ihr Profilbild ist das der Jungfrau Maria. "Ich hab das Profilbild schon dreimal geändert und hab schon an meinem Verstand gezweifelt. Aber die Mutter Maria will einfach nicht verschwinden."
"Wild", denke ich nach einem Monat und bin eigentlich nur noch überrascht, dass dieses Land mich wirklich so sehr überrascht. "Völlig wild!"
"Aber am Ende funktionier alles. Nicht so, wie du dir das gedacht hast. Aber es funktioniert. Schau dir den Straßenverkehr an. Es eckt und knallt, kriecht und rast. Der Taxifahrer bietet dir während der Fahrt plötzlich Eier zum Verkauf an. Aber du kommst ans Ziel. Mehr oder weniger pünktlich und definitiv gut gelaunt und mit einer neuen Geschichte im Gepäck."
