Ein Jahr Ecuador
26.09.2026
Aber ich weiß, wie es ist, mit dem Prokrastinieren: es hilft ja am Ende alles nichts. Je länger man wartet, umso höher wird die Mauer, und dann würde drohen, dass dieser Blog gar nicht mehr gepflegt wird, weil ich diesen einen, schweren Text schuldig bin.
Was ist so schwer an diesem Text? Nun, inzwischen liegt genau ein Jahr Ecuador hinter uns und während ich bei vielen Texten erst einmal überlege, was sein Thema sein sollte, ist hier das Thema und die Überschrift vollkommen klar:
Ein Jahr Ecuador – eine Zusammenfassung
In einem Jahr kann wahnsinnig viel passieren. Vor allem, wenn man sie im Ausland verbringt. Wir haben viele neue Freunde kennengelernt, eine Clique aufgebaut, die sich fast täglich trifft. Wir stehen uns in guten wie in schlechten Zeiten zur Seite, geben uns moralische Unterstützung, treffen uns zum Abendessen, gehen ins Kino, planen Unterricht gemeinsam, Urlaube und Abenteuer. Diese Freunde sind das Rückgrat unserer Zeit hier. Das Leben – ganz egal wo – kann nur dann wertvoll sein, wenn Menschen hat, mit denen man diese Zeit gemeinsam genießen kann. Das sind deutsche Freunde, die das gleiche durchmachen, wie wir, vor ähnlichen Herausforderungen stehen, aber auch ecuadorianische, die uns beim Ankommen geholfen haben, uns die Sprache vertrauter machen und uns bei teilweisen sehr ungewohnten Kulturbesonderheiten unter die Arme greifen. Und Familien aus Japan oder den USA, die noch einmal eine andere Perspektive zu alldem beisteuern. Ein schönes Mosaik aus Kulturen.
Direkt um die Ecke befindet sich die Esquina, die „Ecke“. Hier gibt es Arztpraxen, Restaurants, Cafés, kleine Boutiquen, einen etwas luxuriöseren Wochenmarkt. Wenn wir etwas zu feiern haben, kommen wir hierher, zum Eis essen. Besonders bizarr ist der Weihnachtsmarkt hier, wenn zur Dekoration kleine Tannen an die Decke gehängt werden und man bei über 25 Grad holzgeschnitzte Weihnachtssterne kaufen kann.
Wir schlendern gern mit unseren Freunden durch die Passagen, die Kinder – es sind alle Altersstufen vertreten, aber unsere Tochter ist die Älteste – spielen auf dem kleinen Spielplatz, toben unbeschwert herum, planschen in dem dekorativen Brunnen. Hier fühlt es sich am wenigsten an, als wären wir in Lateinamerika. Würden wir ein paar Straßen weitergehen, wäre das was ganz anderes. Hier befinden sich die engen Fruterias, die frisches Obst feilbieten, die Streetfood-Wägen, zahlreiche Restaurants, wildes Leben auf den Straßen, überdacht von chaotisch verteilten Spaghetti-Strombündeln.

Freunde erzählen uns von ihren bisher erlebten Abenteuern. In letzter Zeit vergleichen sie oft Ecuador mit Panama. Aber das liegt vielleicht an dem Zufall, dass gerade viele in Panama Urlaub gemacht haben. Andere lateinamerikanische Länder sind bunter, erzählt ein Freund. Die Häuser sehen farbenfroher und gepflegter aus. Als ob die Ecuadorianer wenig Wert auf äußeres legen. Er meint damit vor allem der Verputz der Häuser. Hier sind tatsächlich sehr viele Häuser unverputzt grau und beige. Kann sein, dass die Leute hier ärmer als in Panama sind.
Ein anderer ergänzt: aber hier verhalten sich die Leute höflicher. Mit dem Reichtum kommt auch Arroganz.
Ich habe keine Ahnung, was da dran ist. Tatsache ist, dass die Ecuadorianer tatsächlich ein sehr höfliches und gut gelauntes Volk sind. Streit mag man hier überhaupt nicht. Wenn gestritten wird, dann ist eine Versöhnung auch nicht in allzu weiter Ferne.
Eine Freundin schätzt es so ein, dass ein Ecuadorianer gerne viele Chancen gibt – aber wenn man es sich einmal verscherzt hat, dann ist auch vorbei. Ob das stimmt, kann ich schwer einschätzen, bin aber skeptisch, was das Grundsätzliche angeht.
Denn auf der anderen Seite betont jeder Ecuadorianer immer auch, dass Ecuador kulturell vier-fältig ist: Die Küste ist ganz anders als die Sierra, der Dschungel eine andere Welt als Galapagos. Vier Welten bedeutet meiner Ansicht nach auch, dass es vier verschiedene Menschenschläge gibt. Davon abgesehen, dass am Ende des Tages jeder Mensch ohnehin wieder einzigartig ist.
Bislang haben wir nur den Dschungel, die Sierra und die Küste kennengelernt. Ja, das weltberühmte Galapagos, von dem jeder schwärmt, fehlt uns noch immer auf der Bucketlist.
Die Sierra und die Anden können karg und trist sein, aber die zart begrünten Anden, die sich weich wie hoch auftürmende Wellen am Horizont erheben, sind von wahnsinniger Schönheit. Der Cotopaxi fasziniert uns fast jeden Morgen auf der Fahrt zur Schule. Wenn er sich bei wolkenklarer Sicht zeigt, leuchtet er wie ein Leuchtstern in diesem Gebirge. Direkt dahinter erheben sich in einer Linie weitere Vulkane von majestätischer Schönheit. Am berühmtesten der Chimborazo. Ihre schneebedeckten Gipfel stehen den berühmten Bildern der Vulkane in Asien um nichts nach.
Die Küste hat sich uns als tropisches Paradies präsentiert. Warmes Wasser, ein Gefühl von ewiger Leichtigkeit. Die Luft atmet die Atmosphäre, die man aus Piratenfilmen der Mantel-und-Degen-Zeit kennt. Wir lagen unter Palmen, tranken aus Kokosnüssen, erfrischten uns im warmen Wasser des Pazifiks, schmeckten Salz und Sand auf den Lippen, während Pelikane und andere Tropenvögel über unseren Köpfen kreisten.
Das Obst ist so frisch und saftig hier, dass es einem vorkommt, in Europa bekämen wir nur einen Bruchteil des Geschmackes ab. Wieviel Kraft doch die Sonne hier hat!
Meine Lieblingswelt ist aber der Dschungel. Aus tiefster Seele dachte ich immer, ein „Meer-Mensch“ zu sein, jemand der Urlaube lieber am Strand als im Gebirge verbringt. Ein Kindheitstraum war immer, einmal durch den tropischen Regenwald zu gehen. Und nun, wo wir das erfüllt haben, da wir von der grünen Lunge umgeben sind, die frische, grüne, ewig feuchte Luft eingeatmet haben, kann ich nur glauben, dass wenn wir zurück in Deutschland sind, ich nur noch vom Dschungel träumen werde.
Das Leben hier ist intensiv, pulsierend und unverdorben wild. Die Tierwelt ist atemberaubend. Wir haben Vogelbeobachtungstouren gemacht, sind auf Ausläufern des Amazonas mit tiefliegenden Booten gefahren, haben wild lebende Faultiere in Baumkronen gesehen und Farne gesehen, die wie Bäume weit über unsere Köpfe gewachsen sind.
Von einem Urlaub haben wir versehentlich einen Skorpion in unseren Schlafanzügen mit nach Hause gebracht. Aufgefunden haben wir ihn erst in der Trommel unserer Waschmaschine. Das alles ist so verrückt und für unsere europäische Erfahrung so abwegig, dass wir immer wieder davon erzählen.
Aber bei all dem gibt es auch die negativen Seiten.
Im Dschungel haben wir einen Eistee serviert bekommen, dessen Eiswürfel uns Parasiten und Bakterien zugefügt haben. Die europäischen Mägen sind mit diesen Bakterien maßlos überfordert und so landete ich unter starker Dehydrierung für eine Woche im Krankenhaus und zwei weitere Wochen im Bett.
Der Autoverkehr an der Küste ist … speziell … weshalb wir auch unseren ersten Kontakt mit der Verkehrspolizei hatten, da uns ein Motorradfahrer in die Seite gefahren war.
Dass die Polizei und die Behörden hier anders arbeiten als in Europa, ist uns am eigenen Leib offensichtlich geworden. Wieder eine Geschichte mehr, die wir zu erzählen haben.
Aber insgesamt ist das Leben hier sehr lebenswert. Die medizinische Versorgung für jeden, der sie sich leisten kann, ist herausragend gut, der Service der Ärzte außergewöhnlich. Viel läuft im Alltag mit Whatsapp. Die Ärzte schreiben monatelang nach der Behandlung und fragen, ob die Medikamente gewirkt haben, es Nachwirkungen gab, zeigen sich persönlich interessiert und besorgt. Termine bei Schneidern oder Handwerkern laufen ebenfalls effektiv über Whatsapp. Für uns Sprachanfänger leider sehr oft mit Sprachnachrichten. Aber seit die Software auch die Sprachnachrichten transkribieren und übersetzen kann, wird alles reibungsloser und unser Spanisch wird ohnehin von Tag zu Tag besser. Wenn nichts mehr anders geht, müssen die Kinder kurz einspringen, die deutlich schneller Fortschritte machen als wir.
Die Vereinskultur hier funktioniert so gut, dass die Kinder in Sommercamps gegangen sind, sich in Tennis ausprobieren, Tanzkurse besuchen, Theater spielen, etc.
Das erste Jahr haben wir viel gebraucht, um uns einzuleben, in diesem Jahr wollen wir gerade diesen Aspekt intensiver nutzen. Im zweiten Jahr fühlt sich schon einiges einfacher an, ungezwungener. Als ob Hürden sich inzwischen abgebaut haben.
Wenn man es so nimmt, spielen wir hier für uns einen temporären Modellsatz „Integration“ durch. Und wir sehen, wieviel von so vielen Aspekten abhängt: von der eigenen Bereitschaft, von der Offenheit der anderen Kultur, davon, wieviel die Beteiligten bereit sind, miteinander Geschichten zu erleben.

