Erste Eindrücke - Teleferico

21.08.2025

Blick vom Mirador de Volcanes auf Quito - die Hauptstadt Ecuadors

Der Nestbautrieb muss jetzt einfach mal kurz Pause machen.

Ganz ehrlich: es reicht. Das monatelange Organisieren von Papierkram, das tagelange Packen, die vielen Verabschiedungen, schließlich der stundenlange Flug mit drei Kindern und jetzt, wo wir hier sind, spielt sich das ganze rückwärts ab: auspacken, wieder Stempel besorgen, Verträge unterzeichnen, einziehen.

Irgendwann ist auch die beste emotionale Batterie leer. Wir sind müde und gereizt. Kein Wunder. Umso schöner, dass sich bewahrheitet, was uns prophezeit worden war: die Ankunft in Ecuador wird sich durch das bestehende soziale Netzwerk viel leichter und schöner gestalten, als jede Rückkehr nach Deutschland.

Ja, hier warten viele Menschen auf uns, die uns mit offenen Armen empfangen. Die Maklerin, die uns herzlich mit einem Strauß Blumen begrüßt, der Vermieter, der uns sofort Pfannen, Töpfe, Teller und Tassen hinstellt, damit wir schonmal einen kleinen Grundstock an lebenswichtigen Utensilien im Haus haben - ja, er bringt uns nach und nach sogar ein paar Möbel vorbei, die alles heimeliger machen.

Dann andere Neuankömmlinge, die ihre Kinder auf die selbe Schule schicken und genau wie wir Stadt, Land und Leute kennenlernen wollen und die sich schnell als unglaublich Sympathisch herausstellen.

Und bei weitem noch nicht zuletzt: unsere Buddies, die hier ja schon seit einem Jahr leben und uns augenzwinkernd aus dem halbfertigen Nest locken mit dem Versprechen, dass wir hier wirklich etwas zu erleben haben.

Der Teleferico wartet. Es handelt sich dabei um eine Luftseilbahn, die am Stadtrand Quitos bei 3500m Höhe startet und uns auf knapp 4000m hoch befördert. Es ist warm heute, als wir uns auf den Weg machen. Aber, so der Tipp: in Quito Zentrum ist es immer gute 4 Grad kälter als bei uns zu Hause in Cumbayá. Wir packen uns deshalb sicherheitshalber lange Hosen ein. "Nur kurz hoch mit der Seilbahn, oben schauen wir uns um und dann", verspricht uns unser Buddy, gehen wir in die Innenstadt, wo heute ein Lichterfest stattfindet, weil es Nationalfeiertag ist." Spannend! Vor allem, weil wir zusätzlich besser noch lange Pullover mitnehmen. Der Zwiebellook ist in Ecuador unumgänglich. Wir schwitzen bei 23 Grad und packen Fleecewesten ein, verrückt. Dann die Erkenntnis: Kein Taxi wird uns mitnehmen, weil wir eine Person zuviel sind. Unser Buddy besitzt bereits ein Auto hier in Ecuador. Aber wir sind auf Alternativen angewiesen. Das kann in den nächsten Monaten ja heiter werden. In ein normales Auto passt keine Familie mit fünf Personen hinein. Wie soll das nur in Zukunft gehen?

Heute ist es kein Problem: Einer fährt mit unseren Buddies mit und die anderen steigen in das Taxi. Dann geht die Fahrt Richtung Zentrum. Die einzelnen Stadtviertel sind wild gebaut. Wegen den vielen Erdbeben hängen überall kreuz und quer durcheinander schwarze Stromkabel, die aussehen, als ob ein verrückter Koch einfach wild Milliarden von Spaghetti über die Stadt geworfen hätte. In wildem Wechsel stehen protzige Villen direkt neben heruntergekommenen Häusern. Es gibt keine erkennbar einheitliche Architektur, keine durchgängige Ästhetik. In den Nebenstraßen reihen sich kleine Tiendas - also schmale Geschäftchen - aneinander, die unglaublich chaotisch und gedrängt wirken. Wenige Minuten später passieren wir eine Mall. Jedes Stadtviertel scheint mindestens zwei Einkaufszentren zu besitzen. Der Taxifahrer erzählt, dass wenn wir essen gehen wollen, wir am besten in diese kleine Mall hier gehen, wo es zwar nur zwanzig Restaurants gibt, aber dafür eine richtig gute Bar, die .... Schon sind wir auf der großen Hauptstraße. Von Stadt ist hier nichts mehr zu sehen. Die Steigung geht steil bergauf und windet sich in weit ausladenden Kurven den Berg hinauf. Es folgt ein Tunnel und direkt dahinter ein großer Kreisel mit der Statue von Bolivar. 

Wild, das ist das einzige, was ich denken kann. Denn hier wird rechts überholt, links überholt. Wenn die Ecuadorianer könnten, würden sie hupend sogar über und unter uns überholen. Die meisten Autos haben keinen starken Motor und schaffen die Steigungen nicht, also zuckeln sie bergan, bevorzugen dabei aber nicht die rechte Spur, sondern wagen auch mit zehn Stundenkilometern verrückte Überholmanöver auf der Mittelspur. Jeder fährt, wie er will. Fahrspuren? Nettes Dekor auf dem Asphalt. Mehr nicht.

Endlich sind wir oben. Die Luft ist jetzt schon dünn. Wir geben dem Fahrer einen halben Dollar Trinkgeld und pilgern mit wackligen Knien zum Teleferico, um Tickets zu kaufen. Dann die vage Erkenntnis, die sich später bitter bewahrheiten wird: Schnell mal eben hoch, ist nicht. Die Schlange ist lang. Hätten wir ahnen können. Heute ist Nationalfeiertag. Jeder hat frei, jeder will etwas erleben und die Straße der Vulkane ist selbst für Einheimische ein Highlight.

"Ihr werdet sehen", sagt einer unserer Buddies, "wenn die Ecuadorianer eines nicht können, dann Schlangen bilden. Darin sind sie sogar noch schlechter als im Autofahren."

Wie recht er doch hat. Es gibt eine Schlange, um Tickets zu kaufen - Dauer: eine halbe Stunde - und eine Schlange, um für den Teleferico anzustehen. Mädchen verkaufen chlorhaltiges Wasser und salzige Chips. Beides für je einen Dollar. Was soll man tun? Immerhin steht man in der prallen Sonne bei bester Laune. Der Schweiß steht uns auf der Stirn, aber da oben, da oben wird es um einiges Kälter sein.



Nach ewig langer Steherei und vielen lustigen Gesprächen erreichen wir die Gondeln. Die Familie unserer Buddies bezieht die erste Gondel, wir die zweite. Es passen sechs Personen in jede Gondel. Dann geht die Fahrt bergauf und meine Frau ruft kaum, dass sich die Kabinentür geschlossen hat: "Ausziehen!"
"Was?", der Mittlere schaut entsetzt. "Wie? Ausziehen?"
"Hosen wechseln."
"Hier drin?"
Ich schaue auf ein Schild in der Gondel: "Wir haben angeblich 18 Minuten Zeit."
"Das reicht!" Ein Gürtel fliegt wie von selbst von der Hose meiner Frau und mir in den Schoß. Es ist eng in der Gondel, sie wackelt wie verrückt und zum großen Entsetzen der Kinder reißen meine Frau und ich lange Hosen und Fleecewesten aus den Rucksäcken und tauschen die Plätze mit den kurzen Hosen. Na? Wer kann sonst noch erzählen, dass er auf knapp 4000 Meter die Hosen runtergezogen hat?

Nach einer Rekordzeit, auf die wir fast schon stolz sein können, sinken wir erschöpft in die Gondelsitze zurück und genießen jetzt die wahrhaft spektakuläre Fahrt nach oben. Ja, auch in der Gondel spürt man die dünne Luft. Und die Fahrt hört und hört nicht auf. Quito wird kleiner, die Anden größer.
Alles sieht danach aus, dass wir oben zwar Wolken haben, aber dennoch eine fantastische Aussicht.

Da oben werden wir uns auf der Ostseite des Vulkans Pichincha befinden. Das ist der Hausberg Quitos, ein aktiver Vulkan mit zwei Gipfeln: der Rucu Pichincha und der Guagua Pichincha. 1999 war letzterer so aktiv, dass er der Stadt eine Aschewolke beschert hat. Angeblich liegt die Stadt aber so, dass eventuell austretende Lava sie nicht erreichen würden. 2025 liegen beide Gipfel friedlich wie schlafende Berge eben sind. Fast schon könnte man enttäuscht sein, dass ein Vulkan eben nur ein Berg ist und nicht ein sichtbarer Lavasee. Die Kinder hören sich staunend an, dass das hier aktive Vulkane sind, der Jüngste akzeptiert zum Glück schnell, dass Lavaflüsse und Magmaströme heute garantiert nicht auf dem Sightseeingprogramm stehen.



Denn oben gibt es eine wahrhaft atemberaubende Aussicht. Ich hätte mir auch vorstellen können, dass der Jüngste beim Anblick der Landschaft gelangweilt die Augen verdreht und jammert, dass er nach Hause will. Aber die Natur ist eben doch so beeindruckend, dass meine Sorgen unbegründet bleiben.

Dies ist die Straße der Vulkane, erkläre ich. Der Name stammt von Alexander von Humboldt. Bei seiner großen und weltberühmten Südamerikareise hat er hier gestanden und gesehen, wie alle Vulkane hier wie einer Linie nebeneinander liegen. Daher der Name. Von hier aus kann man die Vulkane auf einer schönen Wanderstrecke sehr einfach und gefahrlos selbst als Laie besteigen. Nur gutes Schuhwerk wäre von Nöten, was wir heute nicht dabei haben.



"Antisana - Cotopaxi - Tungurahua - Chimborazo", unser Freund, der Erdkundelehrer ist, zeigt in die entsprechenden Richtungen und benennt uns jeden Berg, jeden wichtigen Vulkan. Selbst die, welche sich heute schüchtern hinter Wolken verstecken. Dann folgt schon das erste Highlight: Die Himmelsschaukel. "Es gibt noch eine größere, die zeigen wir euch beim nächsten Mal. Die ist nicht hier. Aber hier könnt ihr fantastische Fotos machen."


Wir schaukeln über Quito hinweg. Der Kleine, sonst unglaublich (wage-)mutig, zittert und will nicht alleine schaukeln. Kein Problem. Ich bin bei ihm, halte ihn fest. Dem Mittleren müssen wir eindringlich sagen, dass "Abspringen" hier keine Option ist. "Och menno!", ruft er und will gar nicht mehr aufhören zu schaukeln.

Danach wandern wir noch eine kleine Runde in diesem Teil der Alpen entlang und halten Ausschau nach Kondoren. Hier oben gibt es die Möglichkeit, einen Lamaritt zu buchen, in einem Café einzukehren oder in der ecuadorianischen Variante der "Pfälzer Wanderhütte" einzukehren: eine große Holzhütte mit Grill und einigen grobschlächtigen Tischen. Schorle gibt es hier nicht, dafür Cuy - Meerschweinchen, die ecuadorianische Spezialität, die bei jedem von uns andere Gefühle hervorruft.




Wir ziehen das Café vor, bestellen uns Kakao und einen kleinen Snack. Ich versuche den "Mate de Coca", ein Tee, der aus den getrockneten Blättern der kokainhaltigen Coca-Pflanze hergestellt wird. Das klingt zunächst einmal verboten, ist aber völlig harmlos. Weder macht der Genuss dieses Tees abhängig, noch fühlt man sich danach berauscht, beseelt oder sonstwas. In Ecuador gilt der Mate de Coca als medizinisches Heilgetränk. Angeblich hilft er gegen die Höhenkrankheit, die wir heute nur in ganz groben Ansätzen gespürt haben. Das Herz rast heftiger, wir müssen tiefer und heftiger Einatmen. Und einmal schnüre ich die Schuhe etwas fester zu und stehe danach zu schnell auf. Schon dreht sich die Welt und mir ist für zehn Minuten schwindlig. Ob der Tee dagegen geholfen hat? Schwer zu sagen. Jedenfalls ist wieder Zeit, das kleine Abenteuer zu beenden und zurückzukehren.

Wir stellen uns also in die nächste Schlange. Diesmal dauert es deutlich länger als eine Stunde und immer wieder kommen Ordner, die uns bitten, die Schlange nach hinten zu verlängern, weil weiter oben unklar geworden ist, wie der Hauptstrang der anstehenden Menschen verläuft. Von oben sieht diese Menschengruppe bestimmt aus wie eine echte Schlange, die einen dicken Knäuel verschlungen hat und zu verdauen sucht. "Hab ich schon erzählt, dass Ecuadorianer keine Schlangen bilden können?", fragt unser Buddy. Wir lachen. So lange die Stimmung gut ist und brav weiter salzige Chips, ja sogar dampfende Nudelsuppe verkauft wird, ertragen wir auch dieses Schlangestehen.

Nur mit dem eigentlichen Plan, heute noch das Lichterfest zu bestaunen, wird es wohl nichts. Die Kinder sind fix und alle, durch das viele Stehen und die dünne Luft dezent nörgelig und auch wir spüren die Müdigkeit in den Knochen. Also verwerfen wir die Pläne, heute noch das Stadtzentrum unsicher zu machen und bestellen uns lieber einen Uber, um nach Hause zu fahren.

Wieder teilen wir die Familie in zwei Gruppen und müde fallen wir am Ende auf die Matratzen der noch lange nicht aufgebauten Betten.  



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Webseite: Agentur Hundertmarck