Fernweh

25.07.2025

Der charismatische Bilbo Beutlin aus J.R.R. Tolkiens Heldenepos "Der Herr der Ringe" hat sein Leben lang seinen Neffen Frodo von seinen abenteuerlichen Reisen vorgeschwärmt. Am eindringlichsten aber warnte der alternde Abenteurer ihn davor, einen Schritt vor die Haustür zu setzen. Denn dann betrete man unweigerlich eine Straße. Sobald man dieser auch nur folge, könne man überallhin gelangen.
Kein Wunder, dass Frodo in der nun folgenden Geschichte, kaum dass er dazu genötigt wird, ein Reiseabenteuer anzutreten, dieses begeistert aufgreift. Begleitet wird er von seinem Gefährten und besten Freund Samwise Gamdschie, kurz Sam. Schon früh in der Handlung kommt es zu einem sehr eindringlichen Moment. Sam bittet Frodo einen Moment innezuhalten. Er zögert, denn weiter als bis hierhin, so erklärt Sam zitternd, habe er sein Zuhause noch nie verlassen. Ihm fällt es schwer, den nächsten Schritt zu wagen. Frodo sei dies ganz leicht gefallen, ihm dagegen ist klar, was Frodo sein Leben lang unterbewusst von seinem Onkel gelehrt bekommen hat: mit jedem Schritt, den er nun macht, wird die Rückkehr ins heimelige Auenland unwahrscheinlicher und verzögern.
Der Autor hat etwas Großartiges in dieser Szene geleistet. Zwei Freunde, die in unterschiedliche Richtungen blicken. Sam, der in die Fremde blickt und sich nach Hause sehnt, der spürt, dass viele Abenteuer voraus liegen, vor denen er sich fürchtet, die ihn einschüchtern, weil er Harmonie herbeisehnt und den Alltag wertschätzt. Direkt daneben Frodo, der den Blick bereits nach vorn richtet - offen, neugierig, getrieben von einer Sehnsucht, die größer ist als seine Angst. Zwei Freunde, ein Wendepunkt. Zwei verschiedene, innere Bewegungen.

Als ich diesen Roman zum ersten Mal mit 12 Jahren las, wollte ich nicht, dass diese Geschichte jemals endet. Das Buch war herrlich lang und ich zögerte zum ersten Mal im Leben das Lesen eines Buches heraus. Ich ließ mir mehr Zeit als mit jedem anderen Buch. Weil ich das Unterwegssein feierte. Die Routine und der Alltag nagten damals schon an mir. 

Zudem machten wir mit der Familie gerne große Urlaube im Sommer. Mehrere Wochen nach Skandinavien. Ich liebte das Unterwegssein so sehr, die fremdartigen Landschaften, die tiefen Wälder, die steilen Felsen an den Fjorden. Eine Straße, die sich auftat, reizte mich. 

Als wir an die Südliche Weinstraße gezogen sind, verliebte ich mich sofort in den Pfälzer Wald mit all seinen Wegen und Wanderpfaden. Direkt vor der Haustür warteten Abenteuer auf mich. Aber im Laufe des Erwachsenwerdens musste ich mir eingestehen, dass in mir drin auch ein Sam herangewachsen war. ich verstehe ihn heute besser als damals. Ich weiß gern, wo die Schuhe stehen, wenn es regnet. Das lange Studium mit dem anschließenden Referendariat hatten meine innere Aufruhr zu einem nervenden Sturm verwandelt, dem das Bedürfnis folgte, endlich einmal irgendwo anzukommen und Ruhe zu finden. Wir haben hier einen Alltag und eine Routine gefunden, eine Heimat für unsere kleine Familie, die ich über alles liebe. 
Nein, das Alltäglich ist mir vom Feind zum stillen Freund geworden, der mich überallhin begleitet.

Doch dann kam dieser Moment. Eine Gelegenheit. Eine Straße, die sich auftat. Nicht direkt vor der Haustür, aber vor unserer Lebensplanung. 

Eine gute Freundin sah mich mit großen Augen an und fragte, ob mir bewusst sei, was wir da anrichten würden.
"Was meinst du?", fragte ich.
"Das Fernweh", erklärte sie. "Ihr erzieht euren Kindern das Fernweh an."
Ich musste lächeln. Aber innerlich wusste ich: Sie hat recht.

Und vielleicht ist das eines der größten Geschenke, das wir ihnen mitgeben können.
Sam findet über weite Strecken das Reisen als Bürde. Aber als Leser begreift man, dass weder er recht hat, noch Frodo. Ein Abenteuer braucht immer auch Mut. Jeden Tag gilt es von Neuem aufzubrechen. Und vielleicht erziehen wir unsere Kinder nicht zur Rastlosigkeit, sondern zur Offenheit. Zur Neugier auf andere Menschen, andere Orte, andere Leben. Vielleicht ist das die größte Konstante, die wir ihnen mitgeben können: 
Dass es in Ordnung ist, sich auf den Weg zu machen. Und dass es immer etwas gibt, das wartet, wenn man bereit ist, einen Fuß vor die Tür zu setzen.



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Webseite: Agentur Hundertmarck