Fiestas
16.01.2026
Es gibt viel Arbeit. Sehr viel mehr Arbeit als in Deutschland.
Sogar so viel, dass es mir schwerfällt, den Finger so richtig auf den Punkt zu legen, der die Arbeit hier so viel intensiver und anstrengender macht. Es kann aber auch sein, dass ich einer Täuschung unterliege. Denn die Tage beginnen um 6 Uhr morgens und Enden auch um 18:00 Uhr. Dann wird es dunkel und die ganze Familie wird automatisch müde und fällt spätestens um 20:00 Uhr ins Bett. In Deutschland undenkbar.
In dieser kurzen Zeit gibt es ja nicht nur den eigentlichen Job, familiäre Dinge müssen geregelt werden, Hausaufgaben betreut, ein Meerschweinchenkäfig wird gebaut, eine Airtrack muss aufgepumpt werden (mit unserer Handpumpe dauert das weit über eine Stunde). Dann muss man mal eben zur Bank, in den nächstgelegenen Supermarkt, Freunde brauchen Hilfe, plötzlich ist ein Kind krank ... der alltägliche Wahnsinn eben, der einem das Gefühl gibt, dass wir kaum Luft zum Atmen haben.
Ganz wichtig: immer wieder innehalten, tief durchatmen, einen kleinen Spaziergang durch die Urbanisation, die Sonne auf der Haut spüren, Kolibris zusehen, die wie schwerelos in den Lüften schweben, sonst dreht man durch.
Gerade heute morgen erschien auf Instagram ein Reel, dass eine 40jährige Studie aus Finnland verrät, der arbeitende Mensch braucht sieben Mal im Jahr eine Auszeit, um nicht depressiv zu werden. Auf der Arbeit wird unser natürlicher Fight-or-Flight-Reflex aktiviert und wer immer nur im "Kampf- und Überlebensmodus" lebt, wird zusehends ausgebrannt und erschöpft. Dabei zählt gar nicht, dass man lange Urlaub macht, ein kleiner Wochenendausflug genügt schon, dem Gehirn eine Pause gönnen und ihm versichern: Du lebst eigentlich "sicher".
Hier in Ecuador weiß man das irgendwie intuitiv. Man nutzt jede Gelegenheit, um Spaß zu haben. Das Fiesta de Quito war eine einzige große Party mit dem Hauptgedanken: Karten zu spielen. Genauer gesagt: Cuarenta. Ein völlig verrücktes Kartenspiel, bei dem es darum geht, die Gegenspieler durch dummes Gerede, Gefoppe und Lästern so sehr abzulenken, dass er sich verzählt und einen Fehler spielt. Auf vielen Arbeitsstellen, in den Schulen, in vielen Familien wurden regelrechte Cuarenta-Turniere abgehalten. Natürlich mit viel Gelache und Gezanke. (Wenn ihr wollt, erzähle ich euch bei Gelegenheit mal die überaus komplex anmutenden und am Ende doch sehr simplen Spielregeln).
Über das Weihnachtsfest habe ich letztens ja schon berichtet. Fehlt noch Silvester, nicht wahr?
Bevor ich starte: Wie feiert ihr in Deutschland Silvester? Ich kenne es so, dass wenn man es runterbricht, die meisten Familien einfach nur bis kurz nach Mitternacht wach bleiben, Raketen zünden, mit Freunden Raclette oder Fondue essen, Spiele spielen und Dinner for One schauen. Oder man fährt in die Stadt, um beim großen Feuerwerk dabei zu sein.
Ecuador ... ist da ein wenig ... spezieller.
Es beginnt mit einer Geschichte. Hier stellt man sich das alte Jahr als einen alten Mann vor, der leider stirbt. Was übrig bleibt, sind die "viudas", die Witwen. Junge Männer verkleiden sich, ziehen Stöckelschuhe an, blonde Perücken, kurze Miniröcke, sexy Outfits. Und dann wird "getrauert" um den Tod des "Viejo", des Alten. Sie tanzen auf den Straßen, halten Autos an und sammeln Geld für die "Beerdigung", also für die Party heute Nacht.
Dieses Sammeln gerät ziemlich schnell aus dem Ruder. Lachend und tanzend ziehen die jungen Männer durch die Straßen, wagen Lapdances auf dem Schoß von Fahrern, räkeln sich auf Motorhauben, wer im Internet nach "viudas Ecuador" sucht, findet die verrücktestes Aktionen: eine Viuda tanzt auf einem Polizeiauto, eine andere tanzt zum Sound der Polizeisirene, ein LKW-Fahrer wird aus der Fahrerkanzel gezogen und von sieben viudas durch die Straßen getragen. Alle machen mit, niemand ist wütend, niemand ist böse. Kaum etwas geht kaputt.

Wir waren zu Silvester bei einer ecuadorianischen Familie eingeladen und unterwegs haben wir die verrücktesten Dinge erlebt. An einer Ampel hat eine "viuda" eine Slackline quer über die Straße gespannt und hat während der Rot-Phasen Seiltänzer gespielt und auf dem Seil jongliert.
"Macht nur niemals das Fenster weit runter!", hat eine Freundin uns gewarnt. "Die sind flink. Die greifen dir ins Auto, lösen die Türverriegelung und ehe du dich versiehst, tanzen sie bei dir im Auto. Wenn du den Spaß nicht haben willst, gib ihnen ein paar Cent und sie lassen dich weiterfahren."
Das größte "viudas-Highlight" ist aber das "Stöckelschuhrennen" der verkleideten Männer, quer durch die Stadt.
Was aussieht, wie ein großes Event für Transsexuelle, ist hier einfach nur ein spielerischer Ausdruck von Lebensfreude und Ausgelassenheit.
Und abends dann Feuerwerk?
Nicht ganz! Das alte Jahr muss verbrannt werden. Dafür gab es seit Wochen schon Pappmaché-Puppen zu kaufen und viele bastelten sich ihre Puppen sogar selbst. Hier in Quito, sagt man hier, sind das ja noch kleine Puppen. Jede Figur gerade so groß wie ein erwachsener Mensch. Die Puppen werden um Mitternacht auf die Straße gelegt, angezündet und dann springt man über das Feuer hinweg "ins neue Jahr hinein".
In Guayaquil allerdings sind diese Puppen auch mit Feuerwerk gefüllt und riesig groß. Sie werden am Strand aufgebaut und angezündet und johlend befeuert und gefeiert.
Dann ist der Spaß aber auch schon wieder vorbei und viele beginnen mit den harmlosen Traditionen: die letzten 12 Sekunden des alten Jahres werden mit Glockenschlägen aus dem Radio versehen und zu jedem eine Traube gegessen, die man mit einem Wunsch in Gedanken runterschluckt. Wer im kommenden Jahr viele Reisen wünscht, der rennt mit einem Koffer in der Hand um den Block. Farbige Unterwäsche verrät, was man sich für das kommende Jahr wünscht: Rot: Liebe; Gelb: Geld; ...
Lateinamerika wird seinem Ruf gerecht: Feiern können sie. Die Lebensfreude ist den Menschen hier ja grundsätzlich eingeschrieben. Aber sobald es eine Party gibt, wird man sehen, wie steif wir Deutschen doch sind.
Auf einem Kollegiumsfest wird erst festlich gegessen, dann gibt es sofort Livemusik.
Selbst wenn auf dem Schulhof für die Schulgemeinschaft eine Banda folkloristische Musik spielt, tanzen die Jugendlichen: Ihnen ist nur wichtig: es gibt Rhythmus und einen Grund zum Tanzen.
Hier geht es nicht um "das ist gute Musik" - "das ist alte Musik" - "das ist aber mal cringe". Hier geht es nur um: hey, da will jemand, dass wir Spaß haben und macht Musik. Lass uns Spaß haben!
Ganz egal ob Familienfest oder große Feier.
Der einzige Unterschied hier: die Hora loca - die verrückte Stunde. Große Feiern warten damit auf, dass nach ein paar Stunden normaler Feier plötzlich etwas völlig Unerwartetes und Verrücktes passiert.
Das ist definitiv etwas, das ich mit nach Hause nehmen werde. Und es gehört zu dem Satz: Ich lebe nicht, um zu arbeiten, sondern arbeite, um zu leben.
