Land der Möglichkeiten ... und Sicherheiten

04.10.2025

Wir haben mehrere Möglichkeiten, Spanisch zu lernen. Eine davon ist ein sehr kompetenter und sympathischer Lehrer an unserer Schule. Und dem gelang es vor ein paar Wochen das Leben in Ecuador in eine sehr einfache und unfassbar passende Formel zu fassen: "In Ecuador ist einfach alles möglich - und nichts ist sicher."
Ich wäre froh, ich könnte sein strahlendes Lächeln beschreiben, mit dem er diesen Satz aussprach, weil dieses Lächeln die dritte Facette des Landes ist. Ich versuche es mal, zu erklären:
Zu allererst muss ich wiederholen, wie freundlich, gut gelaunt und hilfsbereit die Menschen in diesem Land sind. Alles wird mit größtmöglicher Ruhe und Gelassenheit betrachtet, nichts kann die Menschen hier ernsthaft aus der Ruhe bringen. 
Auf der anderen Seite gäbe es aber sehr viel, was dieses innere Gleichgewicht stören könnte. Hier muss ich die Nachrichten der letzten Wochen anführen. Plötzlich gab es einen kleinen Aufruhr in der Schule. Hier und da war schon getuschelt worden, kleine Gerüchte und Geschichten gingen herum. Der Präsident habe gestern eine Entscheidung getroffen, die unpopulär wäre. Und dann kam zur Bestätigung die Durchsage: Man könne die Sicherheit der Schülerschaft und des Kollegiums nicht garantieren, der Nachmittagsunterricht falle aus. Wie es morgen weiterginge, erfahre man über die Nachrichten und natürlich die Schulapp.
Die Schülerinnen und Schüler jubeln. Es herrscht Partystimmung. Zwei treten vor ans Pult und verkünden feierlich: "Herzlichen Glückwunsch, Herr K. Dies ist ihre erste Paro."
Eine Paro, erklären sie mir, ist ein Volksaufstand. Eine Demonstration. Die Lateinamerikaner nehmen Demokratie sehr ernst. Alle Entscheidungen des Präsidenten, die nicht gefallen, können zu Paros führen. Das kann sehr aggressiv werden, der Verkehr kann lahmgelegt werden, die Infrastruktur läuft nicht mehr rund.
Für mich fühlt es sich natürlich mulmig an.
Ich habe Bilder vom Comic "Eternauta" im Kopf, sehe einen wütenden Mob in meiner Fantasie und als ich wenig später im Bus sitze, beobachte ich die Stadtszenerie.
Nichts.
Rein garnichts verrät, dass jetzt irgendwo ein "Paro" ist. Die Leute lachen, gehen spazieren, Bettler stehen an den Straßenkreuzungen und in den Verkehrskreiseln und verkaufen Lollis, Kartoffeln, Zigaretten, jonglieren, bieten dir an, die Scheiben zu putzen. Alles, wie gehabt.
Aber die Busse, sagt mir ein Schüler im Bus, die Busse werden morgen wahrscheinlich nicht fahren. "Letztes Jahr haben Paros Wochen gedauert. Und dann reagiert der Präsident: Es gibt Stromausfälle im ganzen Land. Gaslieferungen werden eingestellt. So etwas in der Art. Und dann geht der Strom erst wieder an, wenn die Demonstranten aufgeben."
Das kann ja heiter werden, denke ich und entscheide mich zu einem kleinen Hamstereinkauf. Sicher ist sicher.
Aber nein: sicher ist hier eben nicht sicher. Denn nichts passiert. Die Paros finden im Norden der Stadt statt. Hier ist überhaupt nichts zu spüren. Wir können uns frei bewegen, erleben keine Aggressivität, keine Stromausfälle, kein Ende der Gaslieferungen. Am nächsten Tag fahren die Busse, wir haben normale Schultage und das, obwohl ein paar Tage später uns das auswärtige Amt schreibt, wie gefährlich die Lage doch ist.
Quito ist riesig. Das führt dazu, dass dieser Aufstand völlig wirkungslos bei uns bleibt. Für mich erhöht das das Gefühl des Mulmigen ehrlich gesagt. Ich horche in mich hinein und versuche herauszufinden weshalb. Irgendwann glaube ich zu begreifen: Ich kenne mich zu wenig mit der Politik des Landes aus. Die Unwissenheit erhöht den Faktor der Unberechenbarkeit. Ich muss mich also informieren, was nicht gerade einfach ist. Denn Politik ist immer komplex und es gibt zu viele Facetten in diesem Land, die ich verstehen muss.
Ich lese, dass der Präsident Dieselsubventionen streichen lässt. Das Problem ist, dass darunter vor allem Transportunternehmen leiden. Und diese sind zu einem Großteil in der Hand der indogenen Bevölkerung. Hört man hier auf, zu lesen, könnte man meinen, dass es sich um einen diskriminierenden Schlag gegen die Indogenen geht. Aber auf anderen Seiten liest man, dass es deutliche Hinweise und Beweise dafür gibt, dass die Dieselsubvention zu Betrug und Schmuggel führt. Der Treibstoff wird hier günstig eingekauft und dann teuer in Nachbarländern verkauft. Um diesem Schindluder etwas entgegenzusetzen, wird kurzerhand die Subvention ausgesetzt. 
Welche Seite recht hat? Noch erlaube ich mir hier kein Urteil. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, noch längst nicht alle Artikel zu dieser Causa gelesen zu haben.
Tatsache scheint aber zu sein, dass es eine Ankündigung gibt, wer sich am Paro beteiligt, muss mit Gefängnisstrafen rechnen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Ausschreitungen auf einen engen Raum begrenzt bleiben.
Die Geschichte um die Sicherheit Quitos schwelt aber noch einige Tage.
Vor uns liegt jetzt ein langes Wochenende. Nächste Woche ist der Freitag aufgrund eines nationalen Feiertages frei und da bietet es sich an, eine größere Reise zu planen. Wir wollen mit ein paar Familien endlich raus aus der Stadt. Zum Lago San Pablo. Da gibt es eine schöne Lodge, die berühmte Stadt Otavalo ist in der Nähe, wo es den größten indogenen Markt der Gegend gibt. Ein Condorgehege. Wasserfälle. Viel zu erleben. Aber auch eine Landschaft, die zum Entschleunigen und Entspannen einlädt. Nur: Der Weg dahin führt über die Straßen gen Norden. Und die Gerüchte verdichten sich, dass die Straße dort gesperrt ist. Na prima. Wie soll man da planen?
"Wir könnten Donnerstag nachmittags schon fahren", sagt eine Freundin. "Dann hätten wir einen Tag länger." Aber donnerstags haben wir einen pädagogischen Tag und wir kommen garantiert nicht vor 16:00 Uhr von der Schule los. Wenn wir dann zum Lago fahren, wird es eine Fahrt durch die Dunkelheit. Nein danke. 
Also wird eine Lodge gebucht. Wir setzen uns über die Pläne, träumen schon von der anstehenden Reise.
Da kommen schon die nächsten Nachrichten: Der Präsident hat den Donnerstag zu einem außergewöhnlichen Feiertag ausgerufen. Arbeiten wird verboten sein. Das Wochenende wird um einen Tag länger.
"Das macht er, um die Demonstranten zu besänftigen", erzählt eine Kollegin. "Das macht er gern. Feiertage sind sein Spezialtalent."
Wird die Straße in den Norden dadurch freier? Keine Ahnung.
In Ecuador ist alles möglich. Aber wenn du eine Information erhältst, ist noch lange nicht gesagt, dass diese auch sicher ist.
Und genau das macht das Leben hier so spannend.

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Webseite: Agentur Hundertmarck