Man darf ja nicht nur Schönes erzählen
19.09.2025
Die Warnungen waren von vielen gekommen:
"Achtung", hieß es. "In der ersten Zeit werdet ihr entweder extrem überfordert sein und denken, ihr hättet den größten Fehler eures Lebens begangen, oder ihr werdet völlig euphorisch sein, hyped, weil alles ganz anders und ganz toll ist. Aber auch dann kommt früher oder später das böse Erwachen. Ihr dürft euch auf gar keinen Fall von dem erstbesten Frust unterkriegen lassen."
Ganz toll gesagt, fand ich. Denn es entspricht nunmal der Realität, der man niemals entfliehen kann. Du verlässt vielleicht dein Land, deine Freunde, deine Familie, deine Kultur auf Zeit, aber du verlässt ja nicht das Leben. Und im Leben gibt es eben nicht dauerhaft Glücksgefühle und paradiesische Happiness.
Ecuador ist ein tolles Land mit tollen Menschen, aber ich habe es ja schonmal beschrieben: es hakt und kratzt an vielen Ecken und Kanten. Pünktlichkeit und Perfektion sind hier eher Zaungäste des Alltags. Aber auf der anderen Seite begegnen wir immer mehr einer großherzigen Offenheit und Menschlichkeit, die ihresgleichen sucht.
Die Ecuadorianer mögen es, zu helfen, selbst, wenn sie gerade nicht helfen können, erzählt uns ein Fremdenführer, der uns durch Quito führt. "Wenn ihr euch einmal verlaufen habt und einen Ecuadorianer fragt, wo es langgeht, dann wird er auf keinen Fall zugeben, dass er das Ziel nicht kennt. Statt dessen wird er euch erzählen, wie schön es dort ist, wo ihr hingehen wollt, was er dort schon tolles erlebt hat und dann in eine willkürliche Richtung zeigen."
So ganz stimmt das natürlich nicht. Ich frage einen Uber-Fahrer, ob er ein gutes Restaurant hier in der Nähe empfehlen kann und er winkt ab. Eigentlich komme er aus dem Norden der Stadt. Dort gäbe es ein gutes Sushi-Restaurant. Aber dann zeigt er auf ein Einkaufszentrum und verkündet stolz, wie viele Restaurants es in Ecuador in Einkaufszentren gibt.
Und Recht hat er. Einkaufszentren nehmen hier eine ganz andere Rolle ein, als zu Hause. In Deutschland habe ich diese Kolosse immer zynisch überdachte Innenstädte genannt, hier stimmt das tatsächlich, was auch kein Wunder ist.
Die meisten Stadtviertel sind nicht zwingend sicher. Es ist nur bei Tageslicht empfehlenswert durch die Straßen zu gehen und traditionell findet man allerhöchstens kleine Tiendas aneinandergereiht, also kleine Obst- und Gemüseläden über denen riesengroß ein Maggi-Schild prangt mit einem feist grinsenden Hahn, der Hühnersuppe anpreist. Auf den schmalen Bürgersteigen gibt es dann kleine Streetfoodwägen, Popup-Essensstände und dichtes Menschengedränge. Alles ganz wild und chaotisch. Wer sich beim Einkaufen mehr Zeit nehmen möchte und es sicher (und luxuriös) haben will, der fährt eben in ein Einkaufszentrum.
Meine Frau und ich haben vor der Reise immer wieder die Angst geäußert, am Ende würden wir in unserer Urbanisation wie in einem goldenen Käfig leben. Entweder wir sitzen zu Hause, in einem Uber oder in einer dieser überdimensionalen und völlig willkürlich mit Treppen versehenen Malls. Zum Glück bestätigt sich, was viele Uber-Fahrer, Touristenguides und Freunde uns erzählen: Eine der wenigen wirklich sicheren Stadtviertel ist Cumbaya, worin unsere Urbanisation liegt. Hier kann man abends auch die Community verlasen und am Reservatorio vorbeischlendern, hinüber zur Universität, wo es mehrere Studentenrestaurants gibt und das Paseo San Fransisco, eine verhältnismäßig kleine Mall. Beim Paseo hatten die Architekten sicher gedacht, dass es absolut gleichgültig sei, wo man Treppen hinsetze. Wenn etwas so klein ist - nur drei Stockwerke, 125 Geschäfte- dann kann man sich ja gar nicht verlaufen. Pustekuchen. Ich bin hier schon im obersten Stock umhergeirrt und habe eine Treppe nach unten gesucht, nur um zu erfahren, dass es da nur einen Fahrstuhl gäbe.
Hier bekommt man aber immerhin die Schuluniformen, die pünktlich zum Schulstart ausverkauft sind. Wir bestellen sie. Eine Woche später, wir sind zufällig wieder hier, werfen wir einen Blick hinein und erfahren, dass unsere bestellten Kleider längst erhältlich wären. Wir zahlen, gehen, vierundzwanzig Stunden später erfahren wir, dass unsere Kleider soeben eingetroffen wären. Irritiert kehren wir zurück und erfahren, dass diese Mail ein Irrtum sei, diese spezifischen Jacken seien noch lange nicht da. Alles ganz merkwürdig. Immerhin versorgt das Kleidungsfachgeschäft die Kinder mit Popcorn, Eis und Wasser.
Es hakt und kneift an allen Ecken, weil hier alles anders ist, resümiere ich. Jede Stadt hat ihren eigenen Puls, in dem sie den Alltag beschreitet. Quitos Puls ist manchmal wild und manchmal träge, aber dass diese Stadt lebt, daran besteht kein Zweifel.
Jeden Abend fallen wir erschöpft in unsere Betten und fragen uns, was wir morgen wohl erleben werden. Ein Freund hat ein Bankkonto eröffnen wollen und nachdem sein Antrag wochenlang nicht bearbeitet wurde, suchte er die Bank schließlich persönlich auf. Eine Stunde später strahlt er mich stolz an: "Ich habe ein Konto! Jetzt dauert es nur noch 14 Tage bis ich eine Debit-Karte erhalte."
Vierundzwanzig Stunden später, was soll ich sagen, erhält er Bescheid, dass sein erster, schriftlich eingereichter Antrag nun ebenfalls bestätigt sei. Strahlend überreicht ihm eine extra für ihn angereiste Bankangestellte in Leoparden-Pumps die Bankunterlagen. Nun besitzt er also gleich zwei Bankkonten. Auf dem, das er persönlich abgeschlossen hat, liegt sein Geld, für das Wochen zuvor beantragte Konto hat er aber eine Karte.
Hier muss man geduldig sein, alles andere bringt nichts.
Wir haben uns ein Auto bestellt, ohne fällt einem selbst in Cumbaya die Decke auf den Kopf, unter großen Mühen und Umständen gelingt es uns, eine Anzahlung zu leisten, zwei Stunden später schickt Toyota uns eine Eingangsbestätigung. Und ohne weiteren Schriftverkehr überweist Toyota uns das Geld vierundzwanzig Stunden später wieder zurück. Auf Nachfrage erfahren wir, es könnte sein, dass man meinen Namen mit einem anderen verwechselt habe, der ganz anders heiße. Ich verstehe nicht. Möchte mit einer zweiten Mail genaueres hören, diesmal war die verwendete BIC falsch. Da hat unsere Banking-App doch tatsächlich überschüssige Leerstellen mit Xen aufgefüllt, das muss der Fehler sein. Dass alle Apps das so machen, ist eine Information, die ins Leere läuft. Wir überweisen einfach ein zweites Mal auf genau die selbe Art und siehe da, diesmal stimmt alles und vorerst kehrt Frieden ein.
Der Nachteil: weil einfach jede Interaktion chaotisch abläuft, wächst das grundsätzliche Misstrauen auch bei vermeintlich einfachen Angelegenheiten. Die Geduld weicht, die Nerven sind dezent angespannt.
"Ihr müsst einfach vertrauen", rät eine Freundin. "Denn sieh mal: Am Ende klappt doch immer alles. Nicht, so, wie du gewollt hast, aber ..."
Eine andere Freundin lacht gehässig: "Du kriegst am Ende deinen Toyota, aber er ist pink."
Das ginge ja noch.
Meine größte Befürchtung ist, dass ich ihn just an dem Tag kriege, an dem auch verkehrstechnischen Gründen, ein nationales Fahrverbot ausgesprochen wird. Zuzutrauen wär's Ecuador.
Nein, Rund läuft hier nichts. Aber es läuft. Und dann lehne ich mich auf der Arbeit zurück, denke gerade den Satz zu Ende, dass Ecuador vielleicht mein Endgegner sein könnte, dann kommt ein Ecuadorianer um die Ecke, der mich anstrahlt, umarmt, mich herzlich fragt, wie es uns zu Hause geht, wie wir uns eingelebt haben. Wir sitzen unter Palmen, trinken Kaffee und auf einmal ist alles nur noch halb so wild.
Die Freundlichkeit hier macht alles viel erträglicher. Ein sonniges Gemüt, diese Ecuadorianer.
