Nestbautrieb
18.08.2025
Das Gefühl, mit dem Erzählen nicht mehr hinterher zu kommen, erreicht mich jetzt doch schneller, als erwartet. Aber andererseits ist es ja klar: es strömen so viele Eindrücke auf uns ein, dass wir gerade zu täglich überfordert sind.
Die kleine Casita muss eingerichtet werden.
Schon von zu Hause aus hatten wir gespürt, dass das Ansammeln von Möbeln und Dekoration uns vor eine riesige Herausforderung stellen würde. Zum Glück gab es kleine Tauschbörsen und Märkte, weil die Fluktuation in diesen Urbanisaciónes so groß ist. Als deutscher Lehrer im Ausland unterschreibt man mindestens einen Dreijahresvertrag - mit Option der Verlängerung bis maximal 9 Jahre. Bei diplomatischen Vertretern sieht es ähnlich aus. Also herrscht hier ein ständiges Kommen und Gehen. Oft wollen oder können die Menschen nicht alle ihre Möbel mit nach Haus nehmen und bieten diese dann für einen fairen Preis in speziellen Whatsapp-Gruppen an. Uns war es nur wichtig, dass wenn wir mit drei Kindern anreisen, es wenigstens Betten in der Casita gibt, oder besser: Matratzen.
Die Betten in Ecuador haben ganz andere Maße als in Europa: 54x75cm oder 152x203cm. Manchmal findet man in den Börsen aber auch europäische Standardbetten. Wie wir im Ausland sonst an Möbel kommen können, in einem Land, wo es kein IKEA gibt, wollten wir uns nicht vorstellen. Es gab auch so schon zu viel zu bedenken und zu planen.
Die große Überraschung dann, als wir die Zimmer verteilten und bezogen: Die Matratzen sahen furchtbar aus. Nicht nur, dass das ganze Haus grundgereinigt gehörte - auf dem Boden lag ein spürbarer schwarzer Staubfilm, der schon nach dem ersten Schritt die Sohlen färbte - auch die Matratzen sahen unzumutbar aus. Nach 14 Stunden Reise, nicht gerade das schönste Gefühl.
Aber weshalb? Wieso sahen die Matratzen so verdreckt aus? Es dauerte ein paar Tage, bis ich mich an eine Erklärung erinnerte, die mir jemand - ich weiß nicht mehr wer - zum Kulturunterschied zwischen Deutschen und Lateinamerikanern gegeben hatte:
Wir Deutsche sind prozessorientiert, in Ecuador ist man dagegen ergebnisorientiert. Das bedeutet, dass wir in Deutschland es gewohnt sind, wenn wir einen Auftrag bekommen, jeden Schritt durchzudenken, die Folgen jeder Handlung zu berücksichtigen und im Zuge dessen den gesamten Prozess optimiert planen. Meine Frau hätte sicherlich, wenn sie Matratzen verkauft hätte, diese zuerst grundgereinigt, sie dann in eine Schutzfolie gewickelt, einem Umzugsunternehmen verantwortet, die wiederum darauf geachtet hätten, dass der Zustand der Matratzen einwandfrei bleibt, und sie dann transportiert.
Hier dagegen haben die Verkäufer die Matratzen sicherlich gereinigt, aber ab dann galt es nur noch die Frage zu beantworten, wie diese Objekte zum Zielort kommen. Die Spuren auf den einst weißen Oberflächen verraten, dass die Matratzen über die Ladefläche eines Pickups gezogen worden waren, dass man sie auf erdigem Boden abgestellt hatte, um zu verschnaufen, etc.
Der entscheidende Unterschied: Während wir in Deutschland oft ächzen und stöhnen, dass alles so kompliziert läuft, man für simple Aufträge hundert Überlegungen und Formulare ausfüllen muss, gilt hier zwar Einfachheit, dafür aber ein garantiertes Ergebnis (diese Erklärung hat mir später dann noch häufiger geholfen, Ecuador zu verstehen).
In Deutschland können wir davon ausgehen, dass die Matratzen sauber bleiben, ob sie ankommen ist eine andere Frage. Aber in Ecuador kommen sie an, der Rest ist egal. Ich bin mir sicher, eines Tages eine Kurzgeschichte im Stil von Ephraim Kishon über diesen Unterschied schreiben zu können.
Nun ja.
Seitdem stellen wir uns jedenfalls der Frage, was es alles braucht, ein Haus mit Leben zu füllen. Der große Nestbautrieb führte zum Aufbauen von Möbeln - inklusive dem Schrauben zusammensuchen, denn manche fürs Bett benötigte lagen beim Trampolin, immerhin waren sie vorhanden - es galt die unglaublich hohe Anzahl an Einbauschränken und Einbauregalen zu füllen, der Küche Herr zu werden und bei all dem, alte Gewohnheiten gegen neue einzutauschen.
Nehmen wir das Offensichtlichste: Wir wohnen hier in Cumbaya auf 2200 Meter über Normal Null. Es ist jeden Tag durchschnittlich 22 Grad. Wir müssen also viel trinken, um die Höhenluft und die Temperaturen auszugleichen. In Deutschland würden wir zweifelsohne den Wasserhahn leer trinken. Hier ist das Leitungswasser nicht trinkbar. Es braucht also spezielle 20 Liter Wasserflaschen, die bestellt werden müssen und geliefert werden. Für diese gibt es hier einen über USB aufladbaren Wasserspender, der oben aufgestülpt wird. Jedoch liegt der Knopf so weit oben, dass der Jüngste ihn nicht gut erreichen kann. Die Alternative ist ein Wasserkrug mit Zapfhahn. Hier muss die 20 Liter-Flasche jedoch kopfüber reingestellt werden. Eine lustige Herausforderung für uns Gringos. Für die geübten Wasserlieferanten natürlich ein Klacks. Leider schmeckt das gelieferte Nass auch stark nach Chlor. Ob wir uns daran je gewöhnen werden, oder ob wir statt dessen auf das teurere Flaschenwasser aus dem MEGAMAXI zurückgreifen werden, wird die Zeit zeigen.
In der Zwischenzeit weitet sich der Kreis an Bekanntschaften in Quito. Viele sympathische Menschen - Deutsche, Amerikaner, ... - sind in unserem Netzwerk inzwischen hinzugekommen. Manche sind schon seit einiger Zeit hier und zeigen uns alles Wichtige, andere schließen sich uns bereitwillig an und so entdecken wir gemeinsam den Kywi - eine Art Minibaumarkt, in dem es nach Gummi riecht und wo man Schrauben kaufen kann, die beim bloßen Anblick zerbrechen - den Megakywi - eine Art Baumarkt, wo man zusätzlich zu den Schrauben auch Gartenmöbel kaufen kann und Elektrogeräte - den Supermaxi - ein Einkaufsmarkt in der Art eines Edeka - und den MEGAMAXI (ich habe das zwingende Bedürfnis, hier jeden Buchstaben groß zu schreiben) - eine Art Globus in für uns völlig willkürlich angeordneter Regalstruktur. Daneben gibt es natürlich auch die Märkte, aber zu denen und den kleinen Tiendas ein andermal mehr.
