Reaktionen (1)
07.07.2025
Zu Studentenzeiten schrieb ich eine kurze Geschichte, die mit den Worten begann "Es gibt zwei Arten von Menschen". Noch nie im Leben ist mir für eine derart harmlose Formulierung so sehr der Kopf gewaschen worden, wie diesmal, als ich die Erzählung einem meiner bis heute besten Freunden zum Lesen vorlegte. Noch heute klingeln mir die Ohren, wenn ich darüber nachdenke, eine Geschichte mit ähnlichen Worten anzufangen und Dominik Hammes Worte "Zwei? Es gibt Millionen von Arten! Jeder Mensch ist einzigartig!" stehen mir auch jetzt als Mahnmal vor Augen, weil es mich schon wieder in den Fingern kribbelt, ein paar Kategorien aufzustellen.
Tatsache ist aber, dass die Arten an Reaktionen auf unsere Ecuador-Pläne, sehr überschaubar ist.
Da sind zunächst einmal die Freunde, denen die Augen zu strahlen beginnen und die uns versichern, wie stolz sie auf uns sind, dass wir diesen mutigen Schritt wagen. "Mensch, wie gerne würde ich mitreisen!", rufen sie aus und eine sehr gute Freundin fragte, ob wir sie nicht in den Koffer packen könnten. Sie versprach, sie mache sich auch sehr, sehr klein.
Weitaus häufiger hören wir aber "Irre, dass ihr das macht. Das könnte ich nicht." Und auf diese Worte folgen kleine, leise aber durchaus hörbare Vorwürfe. Keine böse gemeinten natürlich. Aber solche, die zu denken geben. Ein sehr guter Freund zählte mir spontan zahlreiche Gründe auf, warum es hier an der südlichen Weinstraße so schön ist und linst dann fragend zu mir rüber, ob mir diese Schönheit nicht bewusst sei.
"Warum zieht es euch überhaupt in die Fremde? Was gefällt euch hier denn nicht?"
Nichts, das ist überhaupt nicht der Grund. Tatsache ist, dass meine Frau und ich schon immer von einer kurzen Zeit im Ausland geträumt haben. Wir haben es auch schon gemeinsam versucht, zu organisieren - wohlgemerkt: damals, als die Kinder noch nicht auf der Welt waren. Aber die Versuche sind stets gescheitert. Und nun kam ein alter Jugendfreund aus einem dreijährigen Japanaufenthalt zurück und sein Schwärmen war unfassbar ansteckend.
Bei mir kommt das Gefühl dazu, mich weiterentwickeln zu müssen. Bei meiner Frau, die Rationalere von uns beiden, sind aber auch viel mehr Skepsis und Ängste dabei. Denn zu behaupten, wir haben uns Hals-über-Kopf in diese Idee verrannt und laufen nun blindlings in die Fremde, wäre glatt gelogen.
Wir tauschen den Alltag gegen das Abenteuer. Das geht nicht unüberlegt und hastig. Und erst recht nicht mit zahlreichen Diskussionen, Argumentationen, Dokumentationen, Panikattacken und Zweifeln.
Nun ist die Entscheidung aber getroffen und je näher der Tag der Abreise rückt, umso schwerer wird das Herz, weil ... naja, ganz ehrlich: Die Südliche Weinstraße ist wirklich toll.
Für die Kinder, denen dieser Schritt sicher noch größere Emotionen hervorruft als uns, haben wir neulich eine Abschiedsparty organisiert. Als die vielen Kinder im Garten herumtollten, setzte sich die Patentante des Jüngsten zu mir und wir plauderten über das Ausreisen. Sie selbst ist vor Jahren aus Mexiko nach Deutschland gekommen und sie erzählte mir eine Beobachtung. Viele ihrer lateinamerikanischen Freunde hängen sehr an der Vergangenheit und an der Heimat. Sie klagen oft über das mexikanische Essen, das ihnen hier in Deutschland fehlt. Dann bestellen sie sich einmal im Jahr spezielle Zutaten und kochen groß, nur um dann wieder zu seufzen, dass es nun gegessen sei.
Sie selbst sei anders. Sie glaubt, dass es überall auf der Welt gute und schlechte Sachen gibt. Wenn dir das Essen aus Mexiko fehlt, dann findest du in Deutschland etwas, das du in Mexiko nicht so einfach bekommen kannst. Dann zwinkerte sie mir zu und fügte hinzu: "Du wirst auch das gute deutsche Brot vermissen. Aber wenn du in Ecuador einmal eine Avocado gekostet hast, wirst du merken, dass die ganz anders schmeckt als hier in Deutschland."
Genau so, denke ich, und nicht anders. Es ist wunderschön an der Südlichen Weinstraße und ich werde Landau vermissen und Edenkoben, die Mandelblüten und die Esskastanien. Ich werde mich fragen, warum ich nicht öfter auf die Trifels gewandert bin, die Augen schließen und mich zu erinnern versuchen, wie der Pfälzer Wald kurz nach dem Regen gerochen hat.
Aber dann, wenn ich die Augen öffne, sind da die Anden und in der Luft fliegen Kolibris. Vielleicht sehen wir lilafarbene Jacaranda-Bäume und die Luft wird im Regenwald sicher auch besonders riechen.
Es gibt zwei Arten von Menschen, so wollte ich diesen Text beginnen. Aber nein, wir Menschen sind komplexer. Denn ich spüre, dass ich genauso beide Menschen sein werde. Ich höre mich jetzt schon jammern, dass ich kein Nutellabrot essen kann und dass es abends vielleicht etwas zu kühl wird. Dann werde ich mir sagen: "es geht nicht, um das, was dir fehlt. Es geht um das, was du statt dessen hast."
Und dann schließe ich die Augen und träume von der Südlichen Weinstraße, die zu Hause auf uns wartet.
