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22.07.2025
Meine Schwiegermutter organisierte uns eine wunderschöne Überraschung. Ein Abschiedsfest mit vielen Freunden, Bekannten und Familienmitgliedern. Plötzlich waren alle da und umarmten uns, drückten uns fest und beteuerten, wie sehr sie sich für uns freuten und uns beneideten.
Andere Familienmitglieder haben wir in den letzten Tagen schon selbst abgeklappert und bei gemütlichen Gartenpartys verabschiedet. Immer wieder werden wir ausgefragt nach Ecuador. Wieso ausgerechnet dorthin. Tja, gute Frage. Streng genommen hat es sich einfach so ergeben.
Als Lehrer muss man sich für den Auslandsschuldienst bewerben. Bei positiver Resonanz wird der Name auf eine Liste geschrieben, die allen Auslandsschulen zugespielt werden. Sollte eine Schule Bedarf nach der eigenen Fächerkombination haben, schreiben diese Schulen einen direkt an und fragen nach, ob Interesse besteht, zu ihnen zu kommen.
Es gibt dann über Videotelefonie ein kleines Vorstellungsgespräch an dessen Ende man sich überlegen darf, ob diese Schule einen überzeugt. Natürlich entscheidet auch der Direktor oder die Direktorin, ob das Vorstellungsgespräch gut gelaufen ist.
Wir hatten von Anfang an insgeheim auf Lateinamerika gehofft. Meine Frau liebäugelte mit Mexiko, weil wir dort auch Bekannte haben. Ich dagegen hatte meinen Blick auf Chile geworfen. Denn Chile gilt als ein sehr sicheres Land, das auch landschaftlich viel zu bieten hat.
Seit März habe ich viele Dokumentationen auf Arte geschaut. Chile und Peru kommen dabei sehr gut weg. Ecuador und Mexiko deutlich schlechter. Die Kriminalität, Drogenkartelle und ein Anstieg an Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit sind das Dauerthema. Seit März gibt es auch auf Spotify von der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Podcastfolge zum Thema Gewalt und Lebensqualität in Ecuador.
Auf der Überraschungsfeier winkt ein Kumpel ab. Wo ist es denn heutzutage Hundertprozent sicher? Nirgendwo. Du musst dich an die Regeln halten. Das ist ganz wichtig. Das, und dass du nicht mit deiner eigenen Erwartungshaltung der neuen Kultur begegnest.
Wie er das meint, will ich wissen.
Na, sieh mal Du hast eine Tochter im Teenageralter. In Deutschland würdest du erwarten, dass sie dich fragt, ob sie abends ausgehen kann. Mit Freundinnen in die Disco. Und du würdest sagen: Klar, ich fahre dich und du rufst an, wenn du nach Hause willst. Dann komme ich dich abholen. Du würdest ihr sagen, dass es bestimmte Stadtviertel gibt, wo sie besser fernbleiben sollte. Sie soll auf ihr Bauchgefühl hören, dubiosen Kerlen aus dem Weg gehen. Solche Regeln eben. Aber die basieren alle darauf, dass du es aus Deutschland so gewöhnt bist. In anderen Ländern gibt es ganz andere Dinge. Es gibt Länder, wie vielleicht Portugal, da gehen alle abends raus auf die Straßen und in die Parks, um bei schönem Wetter zu feiern. Da bleibst du mit der Familie auch nicht daheim sitzen, wenn unten auf der Straße die Musik beginnt. Aber in Ecuador wird es um 18:00 Uhr dunkel und die Polizei und das Militär lockern ihre Präsenz auf den Straßen. Da gehst du abends nicht mehr aus.
Was ich sagen will: du kannst dort deine Gewohnheiten und Erwartungen nicht ausleben. Aber dafür ist dort ein anderes Leben. Du stülpst nicht dein Lebensgefühl der Fremde über, du erlaubst der Fremde, dich zu beeinflussen.
Deshalb gehen wir ja auch eigentlich ins Ausland, antwortete ich. Weil wir den eigenen Horizont erweitern wollen und ich weiß, was er mir sagen will und gebe ihm recht. Natürlich können wir uns hinstellen und klagen, was wir verlieren. Wir müssen nur aufpassen, dass wir den Blick nicht für das verlieren, was wir gewinnen.
"Du wirst auf jeden Fall viel zu erzählen haben", meint einer plötzlich.
"Hat er jetzt schon", lacht meine Frau. "Die Vorbereitungen laufen alles andere als reibungslos."
Damit ist die Brücke geschlagen zu den Geschichten, die wir mit den Behördengängen erlebt haben. Unweigerlich fällt bereits nach meiner ersten Geschichte der Satz: "Sag mal, seid ihr die ersten, die Deutschland als Lehrer ins Ausland schickt?"
Der Verdacht liegt nahe, weil alles so umständlich und konfus klingt. Wie eine Reise durch ein skurriles Land, von dem Franz Kafka schon geträumt hat: Das Land der Bürokratie. "Ja und nein", antworte ich. Ich bin ganz sicher nicht der erste, der geschickt wird. Aber es gibt so viele Länder, die unterschiedliche Regeln haben und es gibt so viele unterschiedliche Lebenssituationen in denen wir Lehrkräfte sind, dass es keine Handlungsschablone geben kann.
Manche Länder erfordern ein Sicherheitstraining, andere nicht. Um nach Ecuador zu reisen, müssen wir Dienstpässe beantragen. Das bräuchten wir für andere Länder nicht. Dort wäre dann ein Einreisevisum oder eine Arbeitserlaubnis fällig. Für die Dienstpässe mussten wir bis nach Braunschweig fahren, um Fingerabdrücke abnehmen zu lassen. Die wurden zur Bundesdruckerei geschickt, die kurzerhand alle Daten löschte, weil deutschlandweit eine neue Hardware geliefert worden ist, just in der Woche, in der unsere Daten verarbeitet werden mussten. Dass unser Auftrag daher nichtmehr bearbeitet werden konnte, erfuhren wir nicht - denn unsere Daten waren ja gelöscht worden. Wie hätte man es uns mitteilen können? Wir erfuhren es erst auf meine Nachfrage hin, weil die Pässe zum vereinbarten Termin nicht ankamen. Also mussten wir ein zweites Mal spontan losfahren, Dienstpässe zu beantragen. Diesmal nach Bonn.
Solche Komplikationen traten irgendwie jedesmal auf, sobald deutsche Behörden im Spiel waren. Mal war ein Stempel falsch, mal die Behörde. Dann war ein Antragsformular veraltet, ein anderes Mal akzeptierte eine Behörde die Unterlagen zwar digital, jedoch nicht die digitale Unterschrift, weshalb das Formular digital ausgefüllt ausgedruckt werden musste, per Hand unterschrieben, eingescannt und wieder hochgeladen.
Diese Vorgänge absurd zu nennen, wäre übertrieben.
Am Ende braucht es harte Nerven.
Sobald eine Mail von einer Behörde im Postfach lag, beschleunigte sich augenblicklich mein Puls. ich spürte, wie ich immer dünnhäutiger wurde.
Mit allerletzter Kraft rettete ich mich in die Sommerferien und fiel erstmal in ein wohliges Loch aus Langeweile. Denn zufälligerweise war mit dem Eintritt der Sommerferien auch der größte Batzen an Behördengängen erledigt.
"Du solltest zu jedem Behördengang eine Geschichte schreiben", sagt mein Onkel. "Solche Sachen werden in Lateinamerika garantiert stressfreier." Das sagen auch viele.
Ich weiß es nicht, kann mir aber nicht vorstellen, dass Behördengänge umständlicher gehen können als hier.
Dann wird endlich die Abschiedstorte aufgetischt und meine Frau und ich sollen sie anschneiden, wie eine Hochzeitstorte. "The Adventure begins" steht auf den Dekorationen.
Großartiges wird uns erwarten, davon sind wir überzeugt.
