Tag der Fahne

28.09.2025

Manche Dinge sind befremdlich, sobald man sie aus dem Ausland betrachtet. An der Deutschen Schule in Quito wird zu allen feierlichen Anlässe sowohl die ecuadorianische als auch die deutsche Nationalhymne mit der Schulgemeinschaft gesungen. Für mich war das von Anfang an klar und es stört mich auch nicht, aber ich spüre schon, wie sich das deutsche Unwohlsein regt, kaum dass alle Anwesenden feierlich aufstehen, die Hand aufs Herz legen und zu einer patriotischen Musik zu singen beginnen.

"Salve, Oh Patria", heißt die Hymne Ecuadors und noch ist mein Spanisch nicht gut genug, um die Worte genau zu verstehen. Ich muss mich zu Hause hinsetzen und recherchieren. "Gegrüßet seist du, Oh Vaterland, tausendfach", so beginnt die Hymne. Bei der Melodie fällt mir ein Gespräch ein, dass ich mit einem guten ungarischen Freund einmal hatte und der mir erklärt hatte, wie man Pathos in Musik packt. Ich kann mich leider kaum noch an seine Ausführungen im Detail erinnern, aber als "Y tu frente, tu freute radiosa" zum zweiten Mal wiederholt wird, steigen die Stimmen Choral eine Ebene höher und die Melodie wird bei diesem zweiten Durchgang ungleich feierlicher und erhabener.

"Die Hymne erinnert an die Gründerväter Ecuadors", erklärt mir ein Kollege. "Die Opfer der Kämpfe und die Schönheit des Landes werden kombiniert." Und schon singen alle über den Berg Pichincha. 

Der Berg Pichincha ist unser "Hausberg" hier in Cumbaya. Er ist am deutlichsten und von überall sichtbar und auch wenn für mich alle Berge immer irgendwie gleich aussehen, wage ich zu behaupten, Pichincha inzwischen recht problemlos identifizieren zu können. Einmal, weil er in einer schönen Dreierkette liegt - die mich dezent an den Trifels in Annweiler erinnert - und andererseits wegen des Telefericos, der mit großen Mästen den Hang schmückt.

Aber zurück zum Patriotismus. Schon seit jeher habe ich keinen Bezug zu Patriotismus und alle Patrioten, Fahnenschwenker und Hymnensänger die ich kenne, sind entweder Fußballfans oder politisch weit im rechten Lager. Kein Wunder, dass das Pathos der Hymnen mich nicht wirklich berührt, eher fasziniert.

Aber dann kam der 26. September. Der Feiertag, der an die Wiederherstellung der ecuadorianischen Flagge erinnert: gelb, blau, rot - und in der Mitte das Wappen des Landes: Ein Condor mit weit ausgebreiteten Flügeln, thronend über dem Chimborazo, dem Dampfschiff Guayas und bestrahlt von einer Sonne.

Über diese Flagge kann gefühlt stundenlang philosophiert werden. Seien es die Farben, die das gute Klima, die Landwirtschaft, das Meer, den Himmel und natürlich das rote Blut symbolisieren, das für die Unabhängigkeit des Landes vergossen worden ist. Andererseits stehen die Farben auch für Großkolumbien und kommen bei vielen lateinamerikanischen Ländern vor.

Am Tag der Fahne jedenfalls gibt es eine außergewöhnliche Tradition. In allen Schulen des Landes werden die besten Schülerinnen und Schüler geehrt. Die Schülerschaft versammelt sich, singt die Nationalhymne - an der deutschen Schule werden nacheinander die ecuadorianische und die deutsche gesungen - dann werden die Ehrenschülerinnen und -schüler aufgerufen, treten vor und dürfen zur Belohnung die Flagge halten und der Schulgemeinschaft präsentieren.

An der deutschen Schule waren es nacheinander die Flagge Ecuadors, die Flagge Quitos, die Flagge der deutschen Schule, die deutsche Flagge und die europäische. Pro Flagge gibt es drei Ehrenschüler. Der Beste steht in der Mitte, links und rechts wird er begleitet von der "Eskorte". Anschließend gibt es Reden - unter anderem von der besten Schülerin - und zur Untermalung kleine schauspielerische Einlagen, die allesamt eines gemeinsam haben: der Aufruf nach sozialer Gerechtigkeit, Solidarität und dem Benennen sozialer Ungerechtigkeiten im Land. Denn die gesamte Zeremonie schließt mit einem Eid, den der Abschlussjahrgang feierlich ablegt: eine Erinnerung daran, dass man als Abiturient privilegiert ist, gefolgt von der Mahnung, jedes Privileg zum Positiven einzusetzen. Über der ganzen Veranstaltung schweben die Wörter "Solidarität" und "Verantwortung".

"Wir sind schon weit gekommen in diesem Land", heißt es. "Aber wir sind noch lange nicht am Ziel." Erst Recht nicht in diesen politisch virulenten Zeiten.

Die Flaggen und die Hymnen sind eine Sache, denke ich. Das Hervorheben positiver Werte ist eine ganz andere.

Spannend, wie anders sich Patriotismus anfühlen kann. 

Ich werde mich bestimmt nie an Hymnen, Eide und Patriotismus gewöhnen. Aber ich habe gelernt, dass Symbole auch anders klingen können – wenn sie nicht nur an Grenzen erinnern, sondern an Verantwortung. Wenn es nicht um Stolz allein geht, sondern um den Auftrag, einander im Blick zu behalten. Und genau darin steckt etwas, das über jede Flagge hinausweist.



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Webseite: Agentur Hundertmarck