Weggehen, wo andere bleiben
02.06.2025
Ab August wird das meine neue Arbeitsstelle sein und die Schule unserer Kinder.
Es ist kurz vor 22:00 Uhr in Deutschland, ich liege bereits im Bett, wollte gerade einschlafen. Jetzt geht das nicht mehr.
Noch sind wir von der exotischen Fremde weit entfernt. Noch stehen wir mitten in der Planungsphase. Wenn das Handy vibriert, sind es meistens Informationen von Behörden, die noch ein weiteres Dokument benötigen, Fingerabdrücke für den Dienstpass, Bestätigungen, dass andere Behörden andere Dokumente noch nicht weitergeleitet haben. Der digitale Kalender quillt auch über. Impftermine, Gesprächstermine mit Steuerberatern, Videokonferenzen mit Versicherungsagenten. Und immer wieder die gleiche Frage: Worauf lassen wir uns da eigentlich ein?
Alles ist gerade zu viel. Jeder Tag bringt neue To-Dos, neue Ungewissheiten. Einem Freund habe ich es so beschrieben: Vor uns stehen hundert Kisten. Und jede Kiste enthält zwischen vier und zwanzig abzuhakenden Aufgaben. Manchmal gelingt es uns, eine Aufgabenkiste abzuschließen und den Deckel zuzumachen. Das sind die Tage, an denen wir tatsächlich den Raum finden, uns auf die Vorfreude einzulassen. Am Ende aller anderen Tagen, fallen wir in einer Mischung aus Gereiztheit, Angst und Erschöpfung ins Bett.
Und dann sind da noch die Reaktionen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis: „Das könnte ich nie!“, sagen viele. Und sie meinen es nicht kritisch – sondern ehrlich. Denn für viele hier an der Südlichen Weinstraße ist Heimat etwas Unverzichtbares. Ein vertrauter Ort, ein stabiles Netz aus Familie, Freunden und Gewohnheiten.
Das alles lassen wir zurück. Nicht, weil es uns hier nicht gefällt – im Gegenteil – sondern weil da etwas in uns ruft.
Für mich ist es ein Kindheitstraum, der endlich wahr wird. Als Junge habe ich vom tropischen Regenwald geträumt, vom Äquator, vom „Kreuz des Südens“ – und ja, auch von Inkaschätzen. Jetzt zieht es mich wirklich dorthin. Mit meiner Familie. Für drei Jahre.
Ich halte es für unglaublich wichtig, sich auf andere Länder einzulassen. Für die Kinder wird es ein riesiger Gewinn sein, weil sie aktiv Spanisch lernen müssen, um sich zurecht zu finden, weil sie neue Freunde am anderen Ende der Welt kennenlernen und weil sie in Ecuador, das Land der Vulkane, der Leguane, der Galapagosinseln und der Regenwälder direkt vor der Haustür haben.
„Ihr wisst schon, dass ihr damit den Kindern auch Fernweh beibringen werdet!“, warnt uns eine sehr gute Freundin. Und ich nicke. Das lässt sich kaum verhindern, denke ich. Das haben sie durch meine Frau und mich in die Gene gelegt bekommen. „Und wird es nicht gefährlich?“ Jedes Abenteuer ist gefährlich, denke ich. Aber wie gefährlich ist Ecuador wirklich? Das Auswärtige Amt warnt vor Erdbeben und Drogenkartellen.
Die Kolleginnen und Kollegen, die schon vor Ort leben lächeln. Sicher gibt es die, aber nicht hier, nicht in Quito. Hier gibt es nichts, wofür sich die Drogenkartelle interessieren. Die sind eher in den Hafenstädten. Wenn man sich an die Regeln hält, lerne ich in Vorbereitungsseminaren, passiert einem nichts.
Noch wissen wir nicht, wie sich das alles anfühlen wird – aber wir wollen es herausfinden. Hinter uns die Weinberge, vor uns die Anden – und dazwischen ein Abenteuer, das gerade erst beginnt.
Vielleicht nehmen wir euch ein Stück mit auf diese Reise.
