Weihnachten in den Tropen
30.12.2025
Nein, echte Weihnachtsstimmung, so wie wir sie bislang kannten, kam nicht auf.
Weihnachten bei 25 Grad Celcius, mit geschmückten Palmen und einer weit entfernten Familie ist einfach nicht das gewohnte Weihnachten. Wir passen uns an.
Meine Frau überrascht uns alle mit einheitlichen Schlafanzügen. Die Geschichte dahinter finden wir alle zumindest cool.
Da begann alles in der letzten Schulwoche. Denn es ist Tradition, dass am letzten Tag vor den Weihnachtsferien die Kinder ihre Schuluniform nicht tragen müssen. Deshalb tragen sie einen Schlafanzug. Die Älteren bringen wirklich ihren eigenen Schlafanzug mit, aber bei den Kleinen haben die Eltern etwas organisiert: Die Eltern haben hinter den Kulissen Schlafanzüge mit den Namen der Kinder und dem Aufdruck "Träume groß" anfertigen lassen. In der Elternwhatsapp-Gruppe gab es dann noch die Frage, ob man gleich für die Eltern und die restlichen Familienmitglieder mitdrucken lassen sollte. Meine Frau hat sofort "ja" gesagt und nun sitzen wir unterm Weihnachtsbaum, lachen uns kaputt und tragen die Weihnachtsschlafanzüge.
Die Kinder durften sich das Festtagsessen aussuchen und da schlug das Heimweh zum ersten Mal richtig zu. Meine Frau und ich sind Saarländer und wir haben aus Spaß mal irgendwann das saarländische Essen "Mehlknäpp" zu Weihnachten mit den Kids gehabt. Sofort stürzten sich die Kids auf diese Erinnerung und fordern das saarländische Essen in der Ferne. Essen kann so herrlich emotional und verbindend sein.
Die Zutaten sind relativ einfach, nur der Quark fehlt hier in Ecuador. Eine Milch-Käse-Quark-Kultur ist Ecuador bei Weitem nicht. Man muss sich für alles irgendwie Ersatz organisieren und so landen wir bei "Griechischem Jogurt", der noch am ehesten an Quark erinnert. Wohlan, muss gehen.
Den Kindern fällt der andere Geschmack auf, essen aber trotzdem drei Portionen, bis sie zum Platzen gefüllt sind. Leider besitzen wir hier kein "Festtagsgeschirr". Wieso auch? Wir haben ein Set tiefe Teller und ein Set flache. Dann kommt meine Frau auf die Idee, die Müslischalen zu nehmen. Jetzt sieht das Essen aus wie ein Bowl. "Eine Saarland-Bowl", nennt sie es stolz und die Fotos werden witzig.
Nach dem Essen wird mit zu Hause eine Videotelefonie aufgebaut und dann die Bescherung.
Wir hatten überlegt, es etwas amerikanischer zu gestalten und wie in den USA Milch und Kekse rauszustellen. Aber wieso auch? Am Ende waren die Kids ohnehin so sehr verwirrt, dass sie morgens schon gebettelt haben, die Geschenke auspacken zu dürfen.
Um das größte Gejammer zu vermeiden und Weihnachten so angenehm wie möglich zu haben, wurden die Geschenke schon gegen Nachmittag ausgepackt.
Nach dem Weihnachtsfest blieb dann aber nicht viel Zeit. Wir hatten über die Raunächte eine Reise in den Dschungel gebucht. Vier Tage Huasquila. Das ist eine Lodge, die viel mit Schule zusammenarbeitet und von daher wusste ich hier schon, was uns erwarten würde. Am Ende kamen doch viele Überraschungen.

Das Programm für Familien unterscheidet sich zum Glück erheblich von dem Schulprogramm. Wir wanderten viel durch den Dschungel, fuhren aber auch zum zwei Stunden entfernten Rio Napo, wo wir mit einem motorisierten Kanu gegen die Flussrichtung tiefer in den Dschungel eindrangen. Wilde Tiere garantiert: Von Tarantulas bis hin zu waldlebenden Kaimanen gab es viel zu entdecken. Wir besuchten eine Tierauffangstation und lernten das Tiergesetz in Ecuador kennen: Hier darf niemand privat ein wildes Tier halten. Als wildes Tier gelten aber nur einheimische Tiere. Wer einen Elefanten hält, der begeht keine Straftat. Aber Aras, Papageien, Kaimane, Tapire, Wollaffen, Totenkopfaffen werden schon gerne gehalten. Bei wilden Tieren gibt es nur den Effekt, dass sie nur als Babys süß sind. Je älter sie werden, umso mehr kommen die Instinkte zu Tage und werden aggressiv. Unsere sympathische Führerin erzählte uns, dass in den meisten Fällen die Leute anrufen, und sagen, ein wildes Tier sei eingebrochen. Am Verhalten der Tiere könne man aber gut sehen, dass das eine Lüge sei. "Affen zum Beispiel rennen nicht am Boden herum. Sie klettern. Am Boden sind sie anfällig für Parasiten, gegen die es keine Heilung gibt. Wenn wir dann so ein Äffchen in Obhut bekommen und der Affe sucht die Nähe von Menschen, bleibt viel am Boden, dann sind das schon zwei Beweise dafür, dass es als Haustier gehalten wird. Dann müssen wir dieses Tier hier behalten, bis der Gerichtsprozess gegen die Besitzer vorbei ist und müssen dafür sorgen, dass es sich irgendwie wieder normal verhält. Manchmal gelingt das Auswildern. Aber in vielen Fällen wäre es für das Tier viel zu gefährlich in der freien Wildbahn."
Wie grausam Menschen sein können, sehen wir dann auch am nächsten Tag, wo wir einen privaten Zoo besuchen, der auch den Tieren helfen will. Hier gibt es Vögel, die die Flügel gestutzt bekommen haben, einen Vogel, der von einem Strommast einen Elektroschock bekommen hat und durch den Unfall beide Füße amputiert bekam. Zerrupfte Äffchen und nervöse Tayra (eine Art südamerikanischer Mader, die auf Bauernhöfe gerne gehalten werden, um Ratten zu jagen).
Dann lieber wieder zurück zu schönen Abenteuern. Denn der Selva (Urwald) bietet sehr viel. Pflanzen, die wir zu Hause als Topfpflanze kennen, stehen hier riesengroß, sodass wir uns wie Zwerge fühlen. Es ist verrückt, wie bunt der Regenwald sein kann. Und es ist verrückt, wie groß hier alles wächst. Wir werden zwischen Lianen vorbeigeführt, einen Berg hinauf, durch schmale Pfade tief in den Urwald hinein. Die zwei verrücktesten Bäume sind die "Wandernden Bäume" und der Ceibo Gigante.


Wandernde Bäume können tatsächlich wandern. 25 Zentimeter pro Jahr immer Richtung Sonne, aber immerhin. Der Baum bildet immer wieder neue Luftwurzeln und lässt alte absterben, wodurch der Stamm bewegt wird. Gleichzeitig dienen die neu wachsenden Wurzeln als Ablauf für Wasser, das sich im Stamm ansammelt. "Der Baum macht Pipi", erklärt unser Führer. "Deshalb nennt man ihn auch den Penis des Teufels". Er lacht über unsere Gesichter. Dann hält er die Hand an die abstehende Wurzel, sammelt das Wasser und trinkt es augenzwinkernd.
Der Ceibo ist eine andere Geschichte. Er dient der Kommunikation im Wald. Die Wurzeln ragen wie Wände hoch am Stamm entlang und erinnern an alte europäische Kathedralen. Diese sind hohl. Klopft man mit einem Stein dagegen, ist das Geräusch über Kilometer weit zu hören. "Fünfmal klopfen bedeutet verirrt", erklärt er uns. "Sobald das ein Kichwa hört, kommt er sofort her und rettet euch. Wenn die Kichwa eine Versammlung abhalten, dann wird ganz viel geklopft." Von diesen Ceibo-Bäumen gibt es einige im Wald. Aber nur einen, der über 1000 Jahre alt ist und entsprechend gigantisch. Jetzt fühlen wir uns erst recht winzig.
Zum Abschluss des Dschungeltages wird im Fluss gebadet. Während der Rio Napo eher kalt ist, trägt dieser Nebenfluss des Rio Napo warmes Wasser. Es ist so angenehm, dass man am liebsten ewig hier bleiben würde.
Aber jede Reise geht einmal zu Ende. Und Silvester wartet bereits auf uns. 
