Wunderschöne Weihnachtszeit

06.12.2025

Es ist Dezember?
Wirklich Dezember?

Ein paar Ecuadorianer kommen immer wieder lächelnd auf mich zu und fragen halb spöttisch - aber nie böse gemeint -, ob es denn in Deutschland derzeit kälter ist als in Ecuador. Wir lachen über die Frage und klopfen uns kameradschaftlich auf die Schulter. Weihnachten und kalt? Unvorstellbar. 

Wie anders doch Erwartungshaltungen sein können.

Hier ist strahlender blauer Himmel, wir tragen Shorts und T-Shirts, schwitzen unter Palmen und dekorieren das Haus weihnachtlich. Verrückt für uns, für Ecuador natürlich völlig normal.

Dabei haben die Geschäfte - wahrscheinlich genau wie bei uns - bereits im Oktober damit begonnen, die Displays mit Weihnachtsdekoration vollzustellen. In den meisten Geschäften begann es mit "Jetzt Weihnachtsdekoration zu 50%". Damals haben wir darüber gelacht, jetzt wünschten wir, wir hätten zugeschlagen. Wie stark die Geschäfte sich doch den Saisons anpassen! Es gibt einen Laden, der fast ausschließlich Weihnachten verkauft. Ein Regal nur blaue Dekoration, ein Regal nur rote. Dann ein paar Gänge nur künstliche Weihnachtstannen, Fußmatten mit "Merry Christmas"-Aufschrift, lachenden Weihnachtsmännern und Rentieren. Aufblasbare Schneemänner für den Garten - natürlich mit LED-Innenleben, daneben Lichterketten, LED-Schläuche, zum um die Palmenstämme wickeln. Wer schonmal einen amerikanischen Weihnachtsfilm gesehen hat, ahnt, wie kitschig man sein kann.

Aber hier ist man auch kreativ: In unserer Urbanisación wird immer brav saisonal geschmückt. Diesmal wird eine lebensgroße Krippe in die Mitte eines Verkehrskreisels gebaut und weiße Abflussrohre aus Plastik werden so ineinandergesteckt und in den Boden gerammt, dass sie aussehen wie Candy-Canes, sobald sie mit rotem Glitzerband umwickelt sind.

Ein Weihnachten ohne Schnee. Und das garantiert.

Wie können wir da für unsere Kinder Weihnachtsatmosphäre aufkommen lassen?

Der erste Schritt führt zu uns einem Weihnachtsmarkt. Tatsächlich ist es ein Handwerkskunstmarkt mit vielen kleinen Ständen, die sternförmig in einem Park angeordnet sind. Ein DJ spielt Last Christmas und Jingle Bells und direkt daneben ein Eisstand. Wir riechen nach Sonnencreme und kaufen eine Seifenblasenpistole. Es weihnachtet am Äquator. Völlig verrückt für uns.

"Wenn ihr wirklich in Weihnachtsstimmung kommen wollt", raten Freunde uns, "dann trinkt Canelazo."
Canelazo ist etwas, das an Glühwein erinnert, oder an warmen Punsch. Denn die Grundzutat ist Naranjilla, eine leckere Frucht, die ein wenig an eine Mischung aus Rhabarber, Orange, Kiwi und Maracuja erinnert. Der Name "Canela" verrät, dass zu der Frucht noch Zimt dazukommt. Das Suffix "-ezo" deutet auf etwas Großes, Gewaltiges hin. Canelazo wird nicht in riesigen Tassen serviert, nein. Das riesige ist eher der Alkoholgehalt von 70 vol%.
Mit dem heimischen Zuckerrohr wird gesüßt. Das Getränk ist ein Hit in Ecuador. Vor allem in dieser Zeit.

Für mich ist das nichts. Ich mag keinen warmen Alkohol, auch keinen Glühwein. Aber nachdem ich Canelazo einmal probiert hattee, musste ich gestehen, dass er ganz gut die Kehle runtergeht.

"Dann ist auch eine Chiva nichts für dich, wie?"
"Eine Chiva?"
"Ein Partybus!"
Die Partybusse habe ich allerdings schon gesehen. Normalerweise fahren sie recht selten durch die Gegend, aber in letzter Zeit, kann man sich gar nicht durch Cumbaya bewegen, ohne dass mindestens einmal einer an dir vorbeifährt. Die Chivas sind traditionelle, oft halboffene Busse, die für Feste gemietet werden können. Auf der Pritsche gibt es laute Musik, Partylichter, eine Theke und Canelazo. Die Gäste der Chiva-Party tanzen, während sie durch die Stadt gefahren werden. Überhaupt tanzt und singt man in Ecuador fürs Leben gern.

Auf jeder Party, zu der wir bis jetzt eingeladen waren, gab es entweder eine Tanzfläche oder ein gemeinsames Karaoke. Das wird an Weihnachten bestimmt nicht anders sein.

"Ich kann mich trotzdem einfach nicht dran gewöhnen", sagt meine Tochter, während wir uns auf dem Weg in die Stadt befinden. "Es ist so warm! Es ist kein Winter. Aber überall spielen sie Jingle Bells." Da hilft auch unser von einem Handwerker gefertigter Weihnachtsbaum zu Hause nicht.



Erst als wir in die große Mall in unserem Viertel kommen, gibt es wirklich gar keinen Zweifel mehr!

Im Innenhof hat der Betreiber eine künstliche Schneemaschine aufgestellt und die kleinen Kinder tanzen in diesem flockigen Schaum und quieken vor Lachen. Drinnen dagegen wird alles über Lichterschmuck und Gerüche geregelt. Habe ich schon erwähnt, dass Einkaufen hier nur mit starken Parfüms funktioniert? Jedes Geschäft hat seinen eigenen intensiven Geruch. Meist süßlich, fruchtig, vanillig. Aber der Dezember verlang natürlich nach einer neuen Duftkreation. Weihrauch! 

Der Geruch ist so intensiv, dass er mir jeden Gedanken vernebelt. Es fühlt sich an, als könne man die Hand nach dem Weihrauch ausstrecken und diesen Dunst mit vollen Händen packen. Verrückt.

"Ob es zu Hause wenigstens weiße Weihnachten gibt?", fragt meine Tochter. Wenigstens ein Foto von der Heimat zu bekommen, wo der Trifels mit kaltem Glitzerweiß bedeckt ist, vom Taubensuhl, wo die Äste schwer von Eis beladen sich tief nach unten biegen. Oder vom Garten von Oma und Opa, wo sich über Nacht Tierspuren über die Wiese verteilen. 

So ganz wissen wir auch noch nicht, wie wir Weihnachten feiern werden, wie wir die Stimmung herzaubern können.

Aber ich bin mir sicher, dass uns etwas Nettes einfallen wird.



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Webseite: Agentur Hundertmarck